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Walpurgis - was ist das überhaupt?© Irmgard Neubauer (26.04.04)
Walpurgis ist der Vorabend des ersten Mai
Da fanden und finden in ganz Europa die großen Frühlingsfestlichkeiten statt. Walpurgis ist ein wichtiges Frauen-Fest und sehr lebhaft und wild. Der Frühling und das Leben strotzen vor Kraft und überschäumender Lebenslust! Es geht um das Wecken der ungezähmten Kraft in uns, der "roten" Kraft. - Irmgard Neubauer, Heil- und Wildkräuterfrau, Feministin und Leiterin von Frauenritual-Gruppen erzählt worum's bei Walpurgis eigentlich geht.

s geht nicht etwa um Fruchtbarkeit, sondern um weibliche Macht, weibliches Wissen, weibliche Lust (die nichts mit Männern zu tun hat!). Denn Frau-sein erschöpft sich nicht in ewiger Fruchtbarkeit und Vermehrung. Frau-sein hat weitaus mehr Dimensionen, als Kinder zu gebären. (Ich finde die These vom “Fruchtbarkeitskult” reichlich langweilig und außerdem ist die Reduktion von Frau-sein auf die Fähigkeit des Gebärens ein biologistischer Standpunkt....)
Die Maibräuche beginnen in Österreich in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai mit der sogenannten “Freinacht” oder “Unruhnacht” - da halten die Frauen Gericht, rächen sich, prangern Frauenfeinde an etc. - in dieser Nacht ist alles erlaubt!
Das Aufstellen von geschmückten Maibäumen ist in ganz Österreich verbreitet, und war ursprünglich ein Ehrenzeichen für Mädchen. Der erste Nachweis eines Maibaums stammt aus dem Jahr 1466, im 17. Jahrhundert war er verboten, erst im 19. Jahrhundert kam der Maibaum wieder in Mode. Das Fest wurde uns von vielen älteren Kulturen überliefert, in denen Bäume verehrt wurden. Erst unter dem Nationalsozialismus wurde der Maibaum zum Dorfsymbol.
Die christliche Kirche bekämpfte Baumkulte jeglicher Art (nicht nur den Maibaum) aufs heftigste – sie forderte, dass “man” die verehrten Bäume ausreißen und verbrennen solle. Als die Menschen nicht von ihrer Freundinnenschaft mit Bäumen abließen, änderten die Kirche ihre Strategie. So sagte Papst Gregor I.: “...man solle die Bräuche und Glaubenslehren der Völker nutzen und nicht versuchen, sie auszulöschen. Wenn eine Gemeinschaft einen Baum anbete, so solle man ihn, anstatt ihn umzuhauen, Christus weihen und sie ihre Anbetung fortsetzen lassen...”. So entstand unser Weihnachtsbaum...
Zurück zu Walpurgis: Früher wurden Männern, die Frauen in der Walpurgisnacht belauschten, die Rockschöße/Krawatten abgeschnitten. Andere wurden in Weiher geworfen, auf Bäume gebunden und dem Spott der Umstehenden preisgegeben. Zu Walpurgis zeigt sich, dass “weiblich” viele Schattierungen hat...
Doch die Freinacht zu Walpurgis hat sich in den letzten Jahrhunderten zu einem brutalen Feldzug gegen Frauen entwickelt. Da werden Frauen angerempelt, umgeworfen, geschlagen und verhöhnt. Die Ursprünge wurden und werden wie so oft vom Patriarchat ins Gegenteil verkehrt.
Walpurgis ist daher eines der wichtigsten Frauen-Feste, das wir uns jetzt zurückholen!
Walpurga und die Maifeste
ie Gebräuche zu den Maifesten stammten von dem Kult um eine alte Frühlingsgöttin. Die ursprüngliche Namensgeberin der Walpurgisnacht - Walburg - war eine Seherin. Ihr Name wurde zur Berufsbezeichnung für alle Seherinnen: Walburga. Der Kult um Walpurga war derartig beliebt, dass die christliche Kirche ihn nicht vernichten konnte und auf die wohlbekannte kirchenübliche Weise vereinnahmte: durch Heiligsprechung.
Walpurgis war der Heiligenlegende zufolge einen Angelsächsin, die nach Deutschland kam und im 8. Jahrhundert als Äbtissin das Doppel-Kloster von Heidenhaim leitete, in dem Priesterinnen und Priester “unter weiblicher Oberherrschaft” lebten. Die Kirche versuchte, den “heidnischen”, unchristlichen Walpurgis-Brauch zu vertreiben - wie viele andere Göttinnen (z.B. Brigid) wurde sie zur Heiligen erklärt und der Kult unter christlichem Schleier weitergeführt.
Walpurga wird in den Märchen und Sagen als gütig gezeigt, sie beschenkt die Menschen reich. Walpurga wird als eine weiße Frau mit feurigen Schuhen und langwallenden Haaren geschildert. Auf dem Kopf trägt sie eine goldene Krone und in den Händen hält sie einen dreieckigen Spiegel und eine Spindel. Erhältst du einen Faden von ihrer Spindel, so kannst du sicher sein, in keiner Gefahr umzukommen. Als Seherin sind ihr die Pflanzen Gundelrebe, Schafgarbe und Mondraute, das auch Walpurgiskraut genannt wird, zugeordnet.
Was Walpurgis NICHT ist
alpurgis ist ein Fest, das optimalerweise im Freien gefeiert wird. Wir können ein großes Feuer entzünden, über das alle Frauen springen und/oder wild rundherumtanzen.
Schön.
Viele Frauen glauben aber, dass es bei Walpurgis (oder anderen Festen) darum geht, “böse Geister” oder den Winter zu vertreiben und nehmen an Ritualen teil, wo unter lautem Gejohle der Umstehenden Strohpuppen verbrannt werden, um so symbolisch den Winter, das alte Jahr oder “böse Geister” zu verjagen und den Frühling zu begrüßen.
Achtung - das ist Patriarchat! Achtung - das ist Christentum!
Mit bösen Geistern war und ist NIE das alte Jahr oder der Winter gemeint. Mit den bösen Geistern sind nämlich immer WIR gemeint: Frauen!
Die “bösen Geister” haben brave Kirchenmänner erfunden und damit immer aufsässige Frauen gemeint. Solche “Bräuche” dien(t)en dazu, freche Frauen zu bestrafen und in ihre Schranken zu weisen. Wenn ihr Bräuche seht beziehungsweise kennt, in denen angeblich “das alte Jahr” verbrannt wird - dann Augen auf: das sind IMMER FRAUEN! Damit sind immer WIR gemeint: die Strohpuppe, die da verbrannt wird, ist nämlich weiblich!
Und das ist KEIN alter, “ursprünglicher” Brauch. Das Verbrennen von realen Frauen hat erst die christliche Kirche salonfähig gemacht und gemeinsam mit der staatlichen Gewalt exekutiert. Die Verbrennung einer Strohpuppe ist auch kein Überbleibsel der sogenannten “Hexenverbrennungen” (=systematische Folterung und Ermordung von Millionen Frauen) der frühen Neuzeit, sondern entstand erst im 19. Jahrhundert.
Es ist wichtig, die Bedeutung und Macht der Symbole und Rituale zu kennen – die christliche Kirche weiß das nur zu gut, immerhin arbeitet sie selbst ausgiebig damit.
Symbole und Rituale wirken aber auch, wenn du ihre Bedeutung nicht kennst. Und das öffentliche, symbolische Verbrennen von Strohpuppen (=Frauen) ist so ein Symbol.
Frauenkultur: Oder warum wir auch heute Walpurgis und andere Frauenfeste feiern
ls Kultur wurde und wird bis dato nur definiert, was männliche Gestaltung hervorgebracht hat. Frauen wurde und wird die Macht zur Gestaltung eigener Räume genommen, wenn nicht zumindest sehr schwer gemacht.
Eine wichtige Rolle im Leben früherer Zeiten spielte die ausgeprägte Festkultur, vor allem für Frauen. Doch was heutzutage als “Kultur” bezeichnet wird, ist zumeist Gestaltung von Männern und hat mit Frauenkultur nichts zu tun.
Kultur, und das sind auch Feste und Rituale wie z.B. Walpurgis, waren früher eingebettet in das Alltagsleben der Menschen und spielten dabei eine große Rolle. Die Festkultur, die Feste an sich, boten zahlreiche Anlässe, sich zu treffen, und viele Gelegenheiten, Kontakte zu knüpfen, Pläne und Strategien zu entwickeln und untereinander Informationen (auch politischer Natur) auszutauschen. Unsere ganze Volkskultur, unser Brauchtum ist ursprünglich davon geprägt.
Doch das Eingebundensein in kapitalistische Notwendigkeiten lässt uns Frauen heute kaum Freiraum zur Entfaltung von kreativen Prozessen, die Zeit und Raum brauchen.
Wie sehen Räume aus, die Frauen selbst gestalten?
Räume, die ausschließlich Frauen vorbehalten sind?
Räume, in denen Frauen autonom sind und entscheiden, wo sie sich hin bewegen wollen und wie sie gestalten wollen?
Frauen sind nach wie vor auf einander angewiesen. Die Fähigkeit der Frauen, Netzwerke zu schaffen und aus ihren Fähigkeiten einen Tauschwert zu gestalten, war und ist gefragt.
Frauen, die in Netzen leben, sammeln einen reichen Erfahrungsschatz, den sie wiederum anderen Frauen weitergeben können. Sie können einander inspirieren, unterrichten und mit Informationen versorgen. Außerdem konnten und können sie mit ihren eigenen Beiträgen Frauenkultur gestalten und bereichern.
Es ist daher wichtig, dass wir Frauen diese Kultur - unsere Kultur, unsere Geschichte - ausgraben, wieder er-finden und neu er-schöpfen.
Und darum feiern wir Walpurgis!
ZUR AUTORIN:
Irmgard Neubauer IT-Fachfrau, Heil- und Wildkräuterfrau, Leiterin von Frauenritual-Gruppen www.frauenwissen.at www.frauengarten.at www.frauensagen.at.tf www.ritual-lehrgang.net.tf FOTOS: Irmgard Neubauer, Inge Doule
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