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SCHICK MIR HILFE, PHOOLAN DEVI© Irene Fleiss (11.06.04)
Eine Erzählung von Irene Fleiss
Vicky lag bäuchlings auf ihrem Bett und las den Brief ihrer indischen Freundin Usha. "Wenn mir einer so was tut, dann bitte ich zur Durga", schrieb Usha in ihrem guten Deutsch. "Durga hilft immer."
a, aber ich glaube nicht an Durga! dachte Vicky ungeduldig. Ich weiß nicht einmal, wer diese Durga ist! Ich hab gedacht, die Inder haben Götter, die Shiva und Vishnu und... da war noch ein dritter... Brahma, richtig, heißen. Wer oder was ist diese Durga? Sie senkte ihren Blick wieder auf den Brief ihrer Freundin.
"Weißt du, wer Durga ist? Sie ist eine Göttin. Die Priester sagen, sie ist böse und gemein und Brahma ist besser, aber ich mag Durga. Kali mag ich auch. Kali ist auch eine Göttin."
Göttin? Vicky interessierte sich nicht für Religion, aber sie war sicher, daß es keine Göttinnen gab und daß ihre Religionslehrerin nichts von Göttinnen halten würde. Wenn es tatsächlich Göttinnen gäbe – nicht nur diese griechischem Marmorstatuen und die Pallas Athene vor dem Parlament -, dann wüsste ihre Religionslehrerin etwas davon. Frau Wettstein war eine gute Lehrerin. Sie las weiter.
"Kali ist wichtig für mich, weil ich jetzt in Kalkutta wohne. Das ist die Stadt der Kali. Kali ist eine sehr alte Göttin. Kali ist auch Durga, oder vielleicht ist Durga älter als Kali. So genau weiß ich das nicht. Die Priester reden nicht gerne über Kali und Durga, sie mögen sie nicht. Mein Vater und meine Mutter reden auch nicht über sie. Sie gehen in den Tempel und halten die Bräuche ein, aber Kali und Durga interessieren sie nicht. Meine Großmutter geht manchmal in den Tempel der Kali, und wenn ich sie frage, was sie dort tut, hat sie früher immer nur geantwortet, daß ich dafür noch zu jung sei. Aber vor kurzem hat sie mich in den Tempel der Durga mitgenommen. Ich bin jetzt zehn, sagt sie, und alt genug, um manche Dinge zu erfahren. Was für Dinge, weiß ich aber noch nicht."
Göttinnen, überlegte Vicky. Ein komisches Wort. Göttin. Gott - weiblich? Eine Weile versuchte sie, sich das vorzustellen. Gott war - nein, er war nicht der alte Mann mit Bart, der in den Geschichten auftauchte, das wußte sie. Schließlich war sie kein kleines Kind mehr, sie wußte, was Geschichten waren. Sie war sich auch nicht sicher, ob sie an Jesus glaubte, obwohl Frau Wettstein erklärte, daß er geschichtlich war. Aber eine Frau als Gott? Warum redete niemand davon, daß es Göttinnen gab? Konnte es sein, daß ihre Mutter nichts von Durga und Kali wußte? Und Frau Wettstein? Und ihr Vater? Und wenn sie nichts davon wußten, konnte es sein, daß es noch mehr Gott-Frauen gab - denn "Göttin" gefiel ihr überhaupt nicht – und niemand wußte davon? Wieso wußte Usha in Indien davon, daß es Gott-Frauen gab, wo die Frauen in Indien doch gar nichts durften? Vicky war verwirrt, und sie brauchte eine Viertelstunde, um zu dem Schluß zu kommen, daß sie in die Bibliothek gehen und im Internet nach "Göttinnen" suchen würde. Dann schloß sie die Augen und dachte an Usha. Usha ging ihr ab. Warum waren Ushas Eltern nur wieder zurück nach Indien gegangen? Drei Jahre waren sie hier gewesen, drei Jahre waren Usha und Vicky die besten Freundinnen gewesen. Sie wollte mit Usha zusammen sein. Sie seufzte abgrundtief, dann las sie weiter, was Usha ihr schrieb.
"Durga hilft Mädchen. Sie hat Phoolan Devi geholfen, sich zu rächen an bösen Männern. Wenn Mädchen Hilfe brauchen, beten sie zur Durga und Durga schickt ihnen Phoolan Devi. Phoolan Devi hilft ihnen. Das weiß ich aus meinen Comics. Phoolan Devi hilft. Sie ist wie Batman, aber sie ist ein Mädchen, und es gibt sie wirklich."
"Wer ist Phoolan Devi?", entfuhr es Vicky. Sie sprang auf, rannte ins Wohnzimmer und holte das mehrbändige Personenlexikon das ihre Mutter unlängst gekauft hatte. Devi, Devi, Devi... Phoolan Devi. Indische Banditin ... Gefängnis ... Politikerin - Vicky schaute mit großen Augen von dem Buch auf und fragte das leere Zimmer: "Banditin? Es hat vor ein paar Jahren noch Banditen gegeben? Und eine Banditin?"
Ihre Mutter kam ins Zimmer. "Wer ist eine Banditin?", fragte sie.
Vicky zeigte ihr das Buch. "Phoolan Devi", sagte sie stotternd, weil sie nicht wußte, wie der Name ausgesprochen wurde. "Usha hat mir von Comics geschrieben, die sie liest, und sie hat gesagt, daß diese Phoolan Devi wirklich lebt."
"Gelebt hat", verbesserte ihre Mutter. "Sie ist vor ein paar Jahren gestorben - erschossen worden, glaube ich. Banditin, ja, das kann man sagen. Sie war eine Verbrecherin. Hat Raubüberfälle begangen und Menschen getötet. Und über die gibt es Comics?"
Vicky schaute ihre Mutter an. Eine romantische Banditin war für ihre Mutter eine Verbrecherin. Sie konnte sich vorstellen, was sie zu Gott-Frauen sagen würde. Also antwortete sie nur: "Ja, Usha sagt, sie mag sie sehr." Und sie legte das Lexikon beiseite und wollte in ihr Zimmer gehen.
"Vicky!", rief ihre Mutter ihr nach. "Das Buch stellt sich nicht von selber ins Regal zurück!"
Vicky ging zurück, stellte das Buch an seinen Platz und eilte zurück zu ihrem Brief. Sie legte sich wieder quer über das Bett und ergriff das nächste Blatt Briefpapier.
Darauf hatte Usha eine ausgeschnittene Comicfigur geklebt. Vicky gluckste begeistert. Eine sehnige Frau mit langen schwarzen Haaren, in Hosen und mit einer Waffe in der Hand stand breitbeinig, energisch und ziemlich gefährlich da. Sie schaute überhaupt nicht wie diese Batgirls und Supergirls mit ihrem vorspringenden Busen und in ihren flatternden Miniröcken aus. Vicky fühlte sich heimelig und sicher bei ihrem Anblick.
"Wenn du Hilfe brauchst, kommt Phoolan Devi und hilft dir", hatte Usha darunter gezwungen.
Hilfe konnte Vicky tatsächlich gebrauchen. Seit einem halben Jahr ging das schon so, seit sie in die Hauptschule ging, und in ihrem letzten Brief hatte sie Usha davon erzählt. Da waren diese drei großen Buben aus ihrer Schule, 13 Jahre alte Rüpel, groß und stark, die jeden Morgen und Mittag am Schultor herumhingen und in den Pausen in den Gängen, rauchten, Bier tranken, die kleineren Mädchen und Buben anstänkerten und sie zwangen, ihnen ihr Taschengeld und ihr Essen zu geben; sie schlugen sie auch des öfteren. Die Lehrerinnen und Lehrer wußten Bescheid, taten aber nichts. Es gab auch nicht viel zu tun, das wußte Vicky. Es gab eine Schulpflicht, und darum durften die Buben nicht der Schule verwiesen werden, Strafen und Nachsitzen fruchtete nichts, reden mit den Eltern auch nicht. Mittlerweile organisierten ein paar Lehrer einen Aufsichtsdienst, um die Kinder sicher um den dreien vorbeizuschleusen. Mittlerweile fingen die drei an, die Lehrerinnen zu beleidigen und zu terrorisieren.
Vicky wollte das nicht mehr mitmachen. Sie haßte es, rasch und mit abgewandtem Blick oder gesenktem Kopf an den dreien vorbeizuhasten, beschützt von zwei kräftig gebauten Lehrern. Im Hintergrund hörte sie stets das grölende Lachen der drei, und es ging ihr durch und durch. Es machte keinen Spaß. Vicky war immer gern in die Schule gegangen (Wenngleich die Ferien und die freien Tage ihr viel, viel lieber waren!), doch seit einem halben Jahr haßte sie es. Sie mochte mit ihrer Freundin nicht darüber reden, und darum wurde es schwierig, sich überhaupt über etwas zu unterhalten; die drei standen unsichtbar bei allem dazwischen und störten. Sie empfand es auch als Zumutung, mitansehen zu müssen, wie die drei die Lehrerinnen und Lehrer beflegelten und die nicht wußten, was sie dazu sagen sollten oder zwar etwas sagten, aber damit nur grölendes Gelächter ernteten.
Vicky hatte es auch ihrer Mutter erzählt und ihren Vater gebeten, etwas zu tun, doch beide hatten nur irgendwelches oberflächliches Zeug von sich gegeben. Sowas wie "Da muß man durch", "Das Leben ist so", "Lerne, denen auszuweichen, denn solchen Typen wirst du immer wieder begegnen". Das war doch keine Hilfe! Das einzige, was ihr gefiel, war der Selbstverteidigungskurs, den ihre Mutter für sie aufgetrieben hatte. Der war toll. Doch auch der wurde ihr vermiest, weil ihr Vater dagegen war. "Was braucht das Mädel treten und schlagen lernen", murrte er immer, wenn sie vom Kurs zurückkamen. "Gegen einen Mann kann sie sich ja doch nicht wehren, also was soll sie dort? Wird nur ein Mannweib und nie einen Freund finden!" Doch in diesem Fall hatte ihre Mutter sich durchgesetzt.
Ja, der Kurs war toll, und Vicky liebte jeden Augenblick. Sie hoffte, daß sie im nächsten Semester den Fortgeschrittenenkurs besuchen durfte. Seit ein paar Tagen dachte sie jedesmal, wenn sie an den dreien vorbeiging: Ich könnte euch treten. Ihr wißt es nicht, ihr würdet es mir nicht glauben, aber ich könnte euch ganz schön wehtun. Das gefiel ihr.
Doch das war nicht genug. Sie wollte nicht vier Jahre lang Angst haben müssen. Sie wollte auch nicht die Schule wechseln, wie ihre Eltern bereits überlegten, denn es gefiel ihr dort, wo sie war. Sie hatte hier ihre Freundinnen, sie mochte die meisten Lehrer und Lehrerinnen, sie konnte es sich gut vorstellen, hier die nächsten vier Jahre auszuhalten. Was konnte man mehr von einer Schule erwarten? Sie wollte nicht, daß diese Buben ihr das kaputtmachten.
Sie las Ushas Brief noch einmal und noch einmal. Sie schaute die Zeichnung von Phoolan Devi an, las ein weiteresmal das über Durga und Kali, vertiefte sich in die Comicfigur. Dann sagte sie halblaut, entschlossen: "Schick mir Hilfe, Phoolan Devi. Schick mir Hilfe, Phoolan Devi. Schick mir Hilfe, Phoolan Devi." Warum sie es dreimal tat, wußte sie nicht, denn sie kannte die uralten Traditionen ihres Volkes nicht.
Dann legte sie den Brief beiseite, rollte sich auf den Rücken und träumte sich in eine Welt, in der starke, stolze Banditinnen und Piratinnen allen Mädchen dieser Welt zu Hilfe kamen, wann immer und wie immer sie es brauchten.
*
Drei Tage später standen die drei jugendlichen Übeltäter nicht wie sonst am Schultor, um Erstklässler zu quälen. Vicky konnte es kaum glauben, und ihr kindisches Gebet an Phoolan Devi kam ihr wieder in den Sinn. Konnte an Ushas Rederei etwas dran sein? An Durga, Kali und der überirdischen Banditenführerin und Rächerin der Enterbten, Phoolan Devi? Sie hatte das alles weggedrängt, sich vor sich selbst geniert, auf Ushas Aberglauben eingegangen zu sein. Nur die Zeichnung hatte sie aufgehoben und ihr Tagebuch gelegt.
Aber jetzt waren die drei nicht da, und die Gerüchte brodelten. Eines davon stammte von einem Mädchen, das im selben Haus wie einer der drei wohnte. Sie schwor Stein und Bein, daß am vergangenen Nachmittag eine Frau mit langen schwarzen Haaren und mit einem Gewehrgurt um dem Oberkörper wie ein mexikanischer Bandit auf einem kleinen Pferd angeritten wäre und die drei vor dem Haustor geschnappt und auf ihren Apfelschimmel gehoben habe und mit ihnen davongeritten sei. Erst spät in der Nacht sei sie wieder vor dem Haus aufgetaucht und habe alle drei abgeladen. Seitdem seien die drei in ärztlicher Behandlung, aber sie seien stumm wie die Fische, was ihr Abenteuer anging, und würden erschreckt zusammenzucken, wenn eine Frau sie ansprach. Es war auch von Verletzungen die Rede, doch jedes Gerücht sagte etwas anderes, und daher gab Vicky nicht viel darauf.
Sie fühlte sich eine Weile schlecht, weil sie sicher war, schuld an diesem Geschehen zu sein, doch sie kam schließlich zu dem Schluß, daß die drei es sich selbst zuzuschreiben hatten. Vielleicht war sie ja verantwortlich dafür, doch wenn es so war, war es okay.
Einige Tage später kamen die drei wieder in die Schule, doch sie waren nicht wiederzuerkennen. Sie waren ruhig, höflich, überboten sich darin, den Lehrerinnen gefällig zu sein, wichen den anderen Kindern aus, lernten, sprachen so gut wie nicht. Auch untereinander wechselten sie nur Blicke, tauschten hin und wieder kurze Worte aus, die völlig nichtssagend waren, ihnen aber etwas zu bedeuten schienen.
Vicky schrieb Usha einen Brief, in dem sie ihr alles haarklein erzählte und ihr dankte. "Sag deiner Oma, daß du für manche Sachen schon alt genug bist", endete sie. Sie wußte jetzt, daß zumindest sie für manches alt genug war, und sie fühlte sich sogar reifer als ihre Eltern. Sie malte ein Poster von Phoolan Devi und hängte es ihrem Bett gegenüber auf. Sie versprach ihr, jedem Mädchen von ihr zu erzählen, das ihre Unterstützung brauchte. Sie bedankte sich nicht bei ihr, denn sie hatte das starke Gefühl, daß Phoolan Devi nicht an Dankbarkeit gelegen war. Woran, das erkannte sie noch nicht, aber vielleicht war das eine von den Sachen, für die sie noch nicht alt genug war. Und das war wahrscheinlich ganz gut so.
ZUR AUTORIN: Irene Fleiss geboren 1958, lebt in Wien und ist neben ihrer Arbeit an der Universität für angewandte Kunst freie Autorin. Seit einigen Jahren erkundigt sie matriarchale Lebensweisen und Denkformen in der Vergangenheit und Gegenwart und hält Kurse an Volkshochschulen zu dieser Thematik.
Publikationen: Die Leibwächterin und der Magier (Roman, Medea Verlag 1983) Grenzenlos. Kurzgeschichten aus dem Patriarchat (BoD, 2001)
Kommentare unserer Leserinnen...* Du kannst ...:   Schick mir Hilfe, Phoolan Devi

Irene Fleiss
15.06.04 18:21
Eine Erzählung von Irene Fleiss
Vicky lag bäuchlings auf ihrem Bett und las den Brief ihrer indischen Freundin Usha. “Wenn mir einer so was tut, dann bitte ich zur Durga«, schrieb Usha in ihrem guten Deutsch. “Durga hilft immer.« dieser Kommentar wurde automatisch erstellt, damit Forenbesucherinnen zum Artikel finden und den Zusammenhang verstehen
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 Re: Schick mir Hilfe, Phoolan Devi

Gästin
15.06.04 18:21
eine super geschichte!
irene fleiss schreibt auch sonst viele tolle geschichten - ihre bücher kann frau auch käuflich erwerben, z.b. in der buchhandlung frauenzimmer
lg, irmgard
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