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CONSTANCE OHMS: DAS FREMDE IN MIR

© Leni Kastl (30.03.09)


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Gewaltdynamiken in Liebesbeziehungen zwischen Frauen

Nachdem Constance Ohms 1993 mit dem Band “Mehr als das Herz gebrochen” (Orlanda Frauenverlag) die Diskussion zu Gewalt unter Lesben eröffnete, hat sie kontinuierlich am Thema weiter gearbeitet. Ihr neuestes Buch ist eine soziologische Studie.



Constance Ohms: Das Fremde in mir

ier untersucht sie Gewaltdynamiken (sie geht also nicht von einzelnen Ereignissen aus) in lesbischen Beziehungen, wobei sie den Zugang über Interviews mit Täterinnen wählt.

In das Thema eingeführt wird über einen ausführlichen Theorieteil, in dem sie sich erst einmal mit den Begriffen “Gewalt” und “häusliche Gewalt” auseinandersetzt. Sie bereitet Untersuchungen über lesbische Beziehungen und Gewaltvorkommen aus dem angloamerikanischen Raum auf, diskutiert deren zugrunde liegende Hypothesen und Ergebnisse, die alle sehr interessant zu lesen sind. Allerdings hält die Autorin auch fest, dass der derzeitige Forschungsstand noch zu wenig umfangreich und daher noch als “Phase der Diskussion” zu bezeichnen sei. Dazu möchte sie nun auch mit der vorliegenden soziologischen Studie beitragen, zu der sie Interviews mit zwanzig Täterinnen aus dem deutschen Bundesgebiet auswertet.

Aus diesen Interviews und der Literaturauswertung erarbeitet sie zwei Kategorien von Gewaltdynamiken, die Täter-Opfer-Dynamik, bei der im Paargefüge klar eine Täterin und ein Opfer zu erkennen ist und die Beidseitige-Akteurinnen-Dynamik, bei der beide Partnerinnen an der Gewaltausübung beteiligt sind (was möglicherweise öfter vorkommt als die monodirektionale Gewaltausübung). Diese beiden Kategorien unterteilt die Autorin nochmals in eine Misshandlungsbeziehung und eine Affektakzentuierte Gewaltdynamik in der ersteren Kategorie und in eine Fürsorgekollusion und Traumatisierte Partnerschaft bei der bidirektionalen Gewaltausübung.

Zur Veranschaulichung wählt die Autorin aus den zwanzig Interviews vier Beziehungskonstellationen aus, anhand derer sie die Dynamiken exemplarisch darstellt. Gemeinsam ist allen Gewaltbeziehungen die emotionale Bedürftigkeit der Täterin, die zur unsicheren Beziehungsrepräsentation führt, deren Sicherung durch kontrollierendes Verhalten und schließlich durch gewalttätiges Verhalten “gelöst” wird.

Als wichtige Einflussfaktoren geht Contance Ohms auf (in der Kindheit) erlebte Gewalterfahrung und erlebte Abweisung durch ein homophobes Umfeld ein. Aus diesem Blickwinkel wundert es nicht, dass bei den Interviews Gewaltdynamiken vor allem aus der ersten Frauenbeziehung thematisiert wurden, denn das Auftreten als lesbisches Paar nach außen ist meines Erachtens ein wichtiger Bestandteil der oft belastend erlebten Coming Out Phase. Doch auch in der fehlenden Grenzsetzung durch die lesbische Subkultur, wo aus Abgrenzung gegenüber der Dominanzkultur das Vorkommen von Gewalt unter Lesben tabuisiert wird, sieht die Autorin einen Faktor, der Täterinnen letztendlich bestärkt, ihnen dadurch, wie den Opfern, aber auch keine wirkliche Unterstützung bietet. Versuche von Paartherapie werden der Situation nicht wirklich gerecht, da sie eher dem Ausleben der Bedürftigkeit der Täterin dienen.

In der zweiten Hälfte des Buches hat die Leserin die Gelegenheit, anhand der hier detailliert dargestellten Interviews der vier exemplarischen Paarkonstellationen die Dynamiken des Beziehungsverlaufs und die Gewaltmuster nachzuvollziehen. Ich freue mich immer über ausführliche Interviewstrecken, hier fand ich das ebenso lange interpretierende Nacherzählen eher mühsam, zumal ich die Interpretationen nicht immer teilte. Aber es soll ja Diskussion entstehen.

Für mich als interessierte Laiin liegt der Gewinn durch dieses Buch in der kompakten Aufbereitung des Wissensstandes. Auch das Erfahren von konkreten Beispielen trägt zum besseren Verstehen dessen bei, was sonst eher in Form von Gerüchten oder “Einzelfällen“ ins Gesichtsfeld rückt. Zweifellos ist aber auch ein guter Grundstein gelegt für weitere Forschungen, die mithelfen können, der Tabuisierung und Handlungsunfähigkeit entgegenzuwirken.

Constance Ohms hat schon mehrere Publikationen zu Gewalt gegen und unter Lesben verfasst. Sie leitet ein Forschungsinstitut des gemeinnützigen Vereins Broken Rainbow e.V., der auch die Website www.broken-rainbow.de betreut.

Einen literarischen Beitrag zum Thema bietet: Claudia Rath: Eine geheime Geschichte, Milena Verlag 2003

Constance Ohms: Das Fremde in mir
Constance Ohms
Das Fremde in mir

Gewaltdynamiken in Liebesbeziehungen zwischen Frauen.
Soziologische Perspektiven auf ein Tabuthema
transcript Verlag, 2008
346 Seiten, broschiert
€D 29,80 / €A 30,80 / sFr 53,40
ISBN: 978-3-89942-948-0

Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)


WEITERFÜHRENDES
“Da ist mir halt die Hand ausgerutscht” von Broken Rainbow e.V.



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