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DREIVARIANTENCOUCH VON ELKE HEINICKE UND JULE BLUM© Gwendolin Altenhöfer (08.08.11)
Ein Lesbenroman mit viel Bonusmaterial
Außer Unterhaltung und einer Liebesgeschichte bietet »Dreivariantencouch« Gelegenheit, aus Lesbensicht über die deutsche Ost-West-Geschichte zu reflektieren und Beziehungen über die Grenzen der Zweisamkeit hinaus zu denken.
assend zu einem der Hauptschauplätze des Buches, beginne ich die »Dreivariantencouch« im Zug zu lesen. Und obwohl ich momentan etwas reisemüde bin, vergeht mir die Zeit wie im Fluge... eh ich's mich versehe, muss ich schon wieder aussteigen. Somit ist bereits bewiesen: dieser Roman taugt bestens als Reiselektüre! Seine drei Hauptrollen sind mit Lesben in Leipzig, Oldenburg und Heidelberg besetzt, die ebenfalls etliche Stunden im Zug verbringen, um sich gegenseitig zu besuchen.
Dabei wird ihnen klar, dass auch nach 20 Jahren die Geschichte von DDR und BRD noch immer ein Wörtchen mitzureden hat, im Verhältnis zwischen Menschen, die hüben oder drüben gelebt haben und leben. Die Autorinnen lassen in der Entwicklung der Beziehungen unter den drei Frauen und in Kindheitserinnerungen greifbar werden, wie sich die unterschiedlichen politischen Systeme aufs Leben einzelner Lesben auswirken. Das ist nicht nur informativ sondern macht auch deutlich, dass es keinen Sinn macht, die Unterschiede zwischen Ost und West zu leugnen, sondern wesentlich produktiver ist, sich aktiv damit zu befassen, wie sie sich aufs persönliche Miteinander auswirken, bevor kulturelle Unterschiede zum lesbischen Bettentod führen - Kerstin und Astrid ruinieren sich zum Beispiel einen Urlaubstag auf Rügen, wo sich statt Erotik oder wenigstens Gemütlichkeit nur Groll und unausgesprochene Vorwürfe ausbreiten können, weil Ost-Westkonflikte im Untergrund brodeln.
Doch nicht nur von dieser Seite droht Gefahr fürs harmonische Beziehungsglück. Eine weitere Herausforderung ist von Anfang an mit von der Partie: Astrid schwört auf offene Beziehungen und teilt das ihrer überraschend heissen Urlaubsbekanntschaft Kerstin auch ohne viel Drumherumreden mit. Die hat zwar mit diesem Modell keine Erfahrung, lässt sich aber nicht abschrecken, weil Astrid ihr auch nach dem Urlaub noch ungemein gut gefällt. Doch dann taucht Doro auf, und der Praxistest tritt ein: kann Kerstin damit leben, dass ihre Astrid noch eine andere hat? Wird sie in einer offenen Beziehung wirklich glücklich werden? Astrid ist nicht zimperlich und arrangiert das erste Treffen ihrer beiden Geliebten an einem emotional aufgeladenen Termin: sie lädt beide zu ihrer Geburtstagsfeier nach Oldenburg ein, und tut so, als wäre nichts dabei. So müssen Doro und Kerstin nicht nur das erste Zusammentreffen miteinander bewältigen, sondern stehen auf der Party auch noch in der »Öffentlichkeit« von Astrids großem Freundinnenkreis, welcher die Geschehnisse natürlich neugierig beäugt. Doro versucht mit ihren Kochkünsten der Lage Frau zu werden, während Kerstin ihre logisch-mathematische Begabung zum Einsatz bringt. Astrid verlässt sich ihrerseits auf ihren Charme und ihre unwiderstehliche Ausstrahlung, um die groben Schnitzer auszubüglen, die ihr trotz poly-technischem Erfahrungsvorsprung im »offenen« Beziehungsleben immer wieder unterlaufen.
Während sich die drei also auf gut Glück und ohne moderne Hilfsmittel wie Polyamorie-Ratgeber oder Poly-Stammtische durchzuschlagen versuchen - nebenbei immer auch mit Ost-West-Themen beschäftigt - erfährt die Leserin so einiges über mögliche Herausforderungen des nichtmonogamen Lebens, über mögliche Problemlösungen und über die Möglichkeit, mit Ungelöstem zu leben. Und auch die Freuden des offenen Beziehungsmodells kommen nicht zu kurz - Doro und Kerstin erleben sie oft unverhofft und müssen sich teilweise erst vergewissern, ob sie ihren Augen trauen können - eine nicht unrealistische Schilderung, wie ich finde.
Ob es dem Trio gelingt, aus ihrer Beziehungskonstellation etwas dank Flexibilität ähnlich Gemütliches und gleichzeitig Praktisches zu entwickeln, wie es die »Dreivariantencouch« ist? Am Ende des Buches sind einige Fragen gelöst, andere bleiben noch offen - ein sehr sympathischer Schluss, entspricht er doch der Realität und Philosophie alternativer Beziehungsexperimente: es gibt keine universellen und ewig gültigen Lösungen und Formen. Es geht schlieslich darum für neue Bewegungen offen zu bleiben... In diesem Sinne: empfehlenswertes Buch für mehr Beweglichkeit im Beziehungsbereich und zwischen Ost und West!
DIE AUTORINNEN:
Jule Blume ist Germanistin, westsozialisiert, Elke Heinicke Slawistin und Anglistin, ostsozialisiert. Beide waren Aktivistinnen der Schlampagne und sind bis heute zum Thema alternative Beziehungsformen aktiv. Die Schlampagne wurde 1999 von Feministinnen als Kampagne ins Leben gerufen, um Alternativen zur Romantischen Zweierbeziehung in die Debatte um die Homo-Ehe einzubringen, die Abschaffung der Eheprivilegien und die Gleichstellung alternativer Beziehungsformen zu fordern und Beziehungsutopien weiterzuentwickeln.
Jule Blum und Elke Heinicke
Dreivariantencouch
Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2011
320 Seiten, broschiert
€D 9,90 / €A 10,20 / sFr 16,70
ISBN: 978-3-88769-764-8
Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)
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