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INANNA ~ GILGAMESCH ~ ISIS ~ RHEA© Birgit Bigga (24.03.05)
Göttinnenmythen aus der Wiege der (matriarchalen) Zivilisation
Neu erzählt und wissenschaftlich interpretiert von der wohl bekanntesten Matriarchatsforscherin Deutschlands, Heide Göttner-Abendroth. Für uns gelesen von Birgit Bigga.
n diesem Werk ist ihr - wieder einmal - ein fesselndes Meisterinnenwerk gelungen, nämlich die Verknüpfung von epischer Dichtung (der Neuerzählung von alten Mythen) und wissenschaftlicher Interpretation. So wie Anthroposophie den Mensch in seiner Gesamtheit betrachtet, so betrachtete Göttner-Abendroth die Wiege unserer westlichen Kultur in ihrer ursprünglichen Gesamtheit und nicht ausgehend von dem, was das patriarchale Paradigma daraus gemacht hat.
Die Philosophin, Kultur- und Gesellschaftsforscherin Heide Göttner-Abendroth ist wohl eine der bedeutendsten und auch wichtigsten Wissenschaftlerinnen, die sich mit dem Thema der seriösen Matriarchatsforschung beschäftigt - ein Thema, das in der patriarchalen Welt noch immer Angst besetzt ist und daher oft missachtet oder ignoriert wird. Ihr Verdienst ist es, dass wissenschaftliche Standpunkte nach und nach aufgeweicht wurden und seriöse wissenschaftliche Arbeit zu diesem Thema ernst genommen wird, ja - ernst genommen werden muss.
Ihr gelingt es immer wieder längst Vergessenes, Geschmähtes, Verfremdetes und Umgedeutetes wieder auf seine ursprünglichen Wurzeln zurück zu führen: auf die Allmutter/die Große Göttin, die der Ursprung jeder Kultur war und ist.
In diesem Werk werden vier chronologisch geordnete Mythen behandelt, Göttner-Abendroth schließt an jede Erzählung eine fundierte Analyse und Interpretation an, basierend auf vielseitigen Quellen und den Erkenntnissen der Matriarchatsforschung und zeigt die vielen Parallelen des Mythos zu den Mythen und religiösen Ansichten unserer heutigen Zeit auf.
öttner-Abendroth beginnt mit einer Genealogie ihrer Abstammung, die einen guten Ein- und Überblick über die (im Allgemeinen meist nicht so geläufige) Sumerische Götterwelt gibt. Der Mythos beginnt mit der Schöpfung und dem Umpflanzen des Weltenbaums, der seine Analogie in der christlich-jüdischen Geschichte des Paradies-Baumes deutlich zeigt. Inanna krönt sich als Allgöttin selbst, erlangt durch List Weisheit und vollzieht die heilige Hochzeit mit dem Hirtengott Dumuzi. Sie hätte lieber den Gott des Ackerbaues geheiratet - diese Konkurrenz erinnert an die Geschichte von Kain und Abel (endet aber hier nicht letal); aber - wie in matriarchalen Kulturen üblich - der Entschluss der Mutter und der Rat des Bruders bestimmt auch die Ehe einer Göttin und so wird der Hirtengott durch sie inthronisiert. Das weist auf ein weiteres wichtiges matriachales Element hin: der Herrscheranspruch eines Mannes ist begrenzt und nur durch die Ehe mit der Herrscherin möglich. Inannas Abstieg in die Unterwelt und ihre Wiederkehr aus derselben zeigt den ewigen, sich auch in der Natur abbildenden Kreislauf von Leben und Vergehen bei gleichzeitiger Unsterblichkeit. Ihr Gefährte stirbt, wird aber für eine bestimmte Zeit wieder lebendig; diese archetypische Konstellation findet sich ebenfalls in fast allen frühen und späteren Religionen (u.a. auch im Christentum) wieder.
Gilgamesch
it diesem Mythos wurden die meisten von uns schon in der Mittelschule konfrontiert, meist als "älteste überlieferte Dichtung der Menschheit" [Zitat von Wikipedia] dargestellt. Göttner-Abendroth unterteilt diese Epos, das sie im Untertitel "Eine Tragikomödie aus Sumer" nennt, wie ein Theaterstück in 12 Akte, jeder Akt erzählt von einer einschneidenden Episode der Geschichte: Von Gilgamesch' Sündenfall wider die Göttin Inanna-Ischtar, die Bildung von Männerbünden und von patriarchalen Zerstörungsszenarien ("Heldentaten"). Doch eine Göttin straft nicht wie ein väterlicher Gott, sie lädt Gilgamesch trotzdem zur Heiligen Hochzeit mit ihr, damit er den Thron empfangen bzw. weiterhin behalten kann. Gilgamesch verhöhnt das uralte Ritual und verachtet die Göttin, die nun aber ihren Fluch über ihn breitet und ihn in trostlose Einsamkeit stürzt. Er ist jedoch nicht lernfähig und kann auch jetzt seine patriarchale Überheblichkeit nicht ablegen. Eine weitere Strafe folgt, die Sintflut, bei der die Göttin (anders als in der christlich-jüdischen Bibel) jedoch nicht nur straft, sondern auch die Unschuldigen rettet. Gilgamesch lernt bis zum Schluss nicht dazu und er wird letztlich nicht in den Kreislauf von Geburt-Tod-Wiedergeburt eingebunden.
Diese Analyse, die an die 12 Akte der Erzählung anschließt, ist in diesem Fall besonders wichtig, da die Gilgamesch-Erzählung sehr patriarchal geprägt ist und unsere - der Leserinnen - tief verwurzelte und sozialisierte patriarchale Erbteile anspricht;
Sie zeigt auf, wie hier der Mythos entweder verfälscht oder überdeckt wurde, was aus dem (auch nacherzählten) Originaltext nur sehr schwer verständlich ist.
Isis von Ägypten
uch hier beginnt Göttner-Abendroth mit einer Genealogie ihrer Abstammung, die den meisten Leserinnen schon etwas geläufiger sein wird, als jene der Sumerischen Götter und Göttinnen. Isis als Himmelskönigin, mit der Mondsichel und dem (Horus-)Kind an der Brust ... eine alte Darstellung, die von der katholischen Kirche in Gestalt der Göttin Maria (die ja laut patriarchalem Paradigma keine Göttin sein darf und auch als Mutter Jungfrau sein muss) 1:1 übernommen wurde. Isis ist nicht nur die Göttin der Ägypter, sie ist Ägypten selbst.
Der Mythos beginnt auch hier als Schöpfungsmythos, der hier – wie könnte es im Lande des Nils anders sein – mit Urschlamm und Überflutung aus der das Leben entsteht zu tun hat. Weiters beschreibt er die Heilige Hochzeit zwischen Isis und ihrem Bruder Osiris (ein Konkurrent des zweiten Bruders Seth) und wie sie ihn durch eine Intrige von Seth verliert. So wie Inanna und andere Göttinnen, macht auch sie sich auf die Suche, auf eine Wanderung durch die Unterwelt, um schlussendlich Erfolg zu haben, auch wenn in diesem Fall Osiris “nur« als König der Unterwelt weiter existieren kann. Der zweite Teil des Mythos erzählt die Geschichte des Horus, der Kind, Frühlingsgott und potenzieller Rächer zugleich ist. Er überlebt seine Kindheit nur durch den Schutz der anderen Gottheiten. Als junger Mann gelingt es ihm tatsächlich, den alten Widersacher Seth gefangen zu nehmen; getötet kann der Totengott ja schließlich nicht werden, höchstens von Isis selbst, aber sie als seine Schwester will es nicht und verbannt ihn in die Wüste. Horus lehnte sich gegen seine Mutter auf und entmannt schließlich in einem Zweikampf Seth (der so nicht mehr König sein kann), verliert aber dabei seine göttlichen Augen, die ihm aber von den Göttinnen und Göttern in Form von Lotusblumen wieder ersetzt werden. Nun beschließen die Götter (das ist der dritte Teil des Mythos) ein Göttergericht einzusetzen, das über Seth und Horus entscheiden soll. Göttner-Abendroth nennt es "eine Götterparodie" und in der Tat hat es ein wenig von der Aufgeblasenheit eines Gockelkampfes am Anfang einer Managementsitzung der heutigen Zeit. Doch auch der angeordnete Zweikampf bringt keine Entscheidung und am Ende ist es wiederum Isis selbst, die hier - ganz die große Göttin - wieder Ordnung und Ruhe in die Welt (Ägypten) bringt.
Rhea von Kreta
eginnend steht auch hier eine Genealogie, die den meister Leserinnen noch vertrauter sein wird - denn hier betreten wir direkt einen Teil unseres Europäischen Kulturerbes. Auch dieser Mythos beginnt mit dem Anbeginn der Zeit, einem rein weiblichen Schöpfungsmythos. Doch gibt es über Rhea keinen zusammenhängenden, in sich geschlossenen Mythos, sondern nur Mythenfragmente. Da diese aber die Basis für die spätere griechische Mythologie darstellen, können so Lücken geschlossen werden, wenngleich sie von der extremen patriarchale Umformung, die sie erfahren haben, befreit werden müssen.
Auch hier finden sich die Themen der Heiligen Hochzeit (mit Kronos) und die Darstellung der Mutter-Kind-Dyade (Rhea mit ihrem jüngsten Sohn Zeus), der wiederum ihr Heros (ihr sterblicher Gemahl) wird. Es wird beschrieben wie ihre Töchter Demeter, Hestia und Hera nach Griechenland ziehen. Ein für mich persönlich sehr interessanter Teil ist die gewaltsame Machtübernahme des Zeus, der sich über seine Schwester Hera hinwegsetzt, sie vergewaltigt und entmachtet (Wechsel vom Matriarchat zum Patriarchat). In diesem Mythos spielen mehrfache Vergewaltigungen und somit essentielle und systematische Demütigungen der Göttinnen eine große Rolle. Im Teil “Aufstand der Hera« rechnet die mutterrechtliche Kultur mit dem gewalttätigen Patriarchat ab und probt die Wiederherstellung der alten Ordnung doch es endet mit einem Desaster und mit unsäglicher Gewalt setzt sich die patriarchale Ordnung durch.
Die Mythenerzählung setzt dann noch kurze Episoden von Theseus und Herakles nach, die zwar mit dem Rhea-Schöpfungsmythos nicht unmittelbar verbunden sind, jedoch ein integraler Bestandteil der Kretischen Götterwelt sind.
Fazit: Ein wunderbares Buch für geschichtlich und wissenschaftlich Interessierte, für die das Werk ein wichtiger Meilenstein der Matriarchatsforschung ist. Aber auch eine unübertreffliche Lektüre für jene, die - wie ich - schon als Kind fasziniert von den alten Sagen und Legenden waren; es tut einfach gut zu erfahren, dass wir Frauen auch in dieser Form der Geschichte eine wichtigere Rolle gespielt haben, als uns das bisher zugestanden wurde.
 Heide Göttner-Abendroth Inanna ~ Gilgamesch ~ Isis ~ Rhea Die großen Göttinnenmythen Sumers, Ägyptens und Griechenlands
Ulrike Helmer Verlag, 2004 220 Seiten, broschiert €D 20,00 / €A 20,60 / sFr 36,10 ISBN 3-89741-158-X
Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)
LINKTIPPS: http://goettner-abendroth.de
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