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EIN ZWIESPäLTIGES BUCH üBER EINE STARKE FRAU© Irene Fleiss (03.04.05)
Sonja A. Buholzer: Solange du liebst
"Botschaften einer Rebellin", so der Untertitel eines neuen Buches über Mechthild von Magdeburg, das viele Informationen zu einer harten, spannenden und für Frauen gefährlichen Zeit bietet und trotzallem einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt.
in zwiespältiges Buch über eine interessante und starke Frau, Mechthild von Magdeburg, das viele Informationen über eine harte, spannende und für Frauen und alle denkenden Menschen gefährliche Zeit (13. Jahrhundert), bietet. Eine Frau, die Frauen von einer fast vergessenen Frau erzählt - das ist auch eine gesellschaftlich relevante Handlung.
Der äußere Eindruck ist schon einmal angenehm. Hardcover, aber handlich, in Rottönen, aber nicht aufdringlich oder knallig. Die Einführung verspricht einerseits Interessantes: eine Rebellin, Mechthild von Magdeburg, die “gegen ihre Zeit« schrieb und predigte, von männlichen Gottesbildern befreite und “einen Mann nicht zwingend« brauchte. Das klingt erfreulich. Andererseits wird eine Erzählung angekündigt, basierend auf der Dissertation der Autorin von 1987, mit frei erfundenen Handlungen und Predigten. Das klingt beunruhigend.
Ich beginne die Lektüre also einigermaßen neugierig.
Der Stil übertrifft meine schlimmsten Befürchtungen. Courths-Mahler Typ: Tochter aus adligem Haus bricht aus und läuft davon, weil sie nicht ins Kloster darf. Kann die Jugend einer Frau, die Sätze wie “Du sollst alleine stan, Du sollst zu nieman gan!« geschrieben hat, so klischeehaft gewesen sein? - Natürlich ist das möglich, das Leben ist nicht frei von Klischees. Also weiter.
“Du sollst lieben das Nichts, Du sollst fliehen das Ist, Du sollst alleine auf deinen Füssen stehen, Du sollst eigenständig sein!«
Die Frau hatte eindeutig einiges drauf, ich bin noch immer neugierig auf ihr Leben. Leider gibt es nur wenige gesicherte Daten über sie, nur ein Werk ist in einer Abschrift enthalten, woraus kursiv zitiert wird. Also weiter, ich setze auf den vielversprechenden Untertitel (“Botschaften einer Rebellin«) und gebe dem Buch eine Chance.
Der Zwiespalt geht weiter. Sätze wie “In ihr war eine scheue, wilde Adlerfreiheit aufgestiegen« stehen neben klugen Abhandlungen über Thomas von Aquin und die von ihm geprägte Theologie. Harte Fakten werden berichtet: Frauen hatten keinen offiziellen Anteil an der politischen Macht, waren rechtsunmündig, nicht waffenfähig, nicht ratsfähig, hatten keine Selbständigkeit, nicht einmal eine Seele. An der Ideologiebildung teilzunehmen war Frauen verboten, mehr als die Hälfte der Bevölkerung war “unter dem politischen Joch der Kirche diszipliniert und domestiziert«.
Kluge Ausführungen gibt es über die üble Lage der Ehefrauen im 13. Jahrhundert, über die Demütigung, die es für eine Frau bedeutet, in einer Welt zu leben, die sie klein macht, eingrenzt, in der sie heimatlos und fremd ist. Diese und ähnliche Absätze zu lesen ist wirklich eine Freude. Wenn nur nicht die Angst wäre, daß zwei Seiten weiter Rosamunde Pilcher lauert... In den fingierten Predigten, Briefen und Dialogen paßt der Stil; er ist, wenn auch unzureichend, den Texten jener Zeit angepaßt. Doch dazwischen ist er, meines Erachtens, fehl am Platz und übertrieben.
Sonja A. Buholzer bringt interessante Ausführungen zu den Beginen – unterbrochen von Mechthilds “pochendem Herzen« und ihrer “explodierenden Seele« – und ihr Ende durch die geistlichen Oberherren, denen sie zu unkontrollierbar, gelehrt und auf alle Fälle viel zu unabhängig waren und die sie schließlich unter die Kontrolle der Klöster brachten. Wir lesen auch einiges über Hildegard von Bingen und – in einer erdachten Vorausschau Mechthilds – Marguerite de Porété.
Eine schöne Szene beschreibt, wie Mechthild und die Beginen einen Mann (“ein Raubritter, der kurz vor Beutefang stand«), der verächtlich die gesetzten Grenzen der Frauen verletzte, mit lautem Gelächter auf sein wahres Ausmaß reduzierten.
Mechthild von Magdeburg formulierte, daß es keinem Mann gestattet sein kann, sich über die Frau zu stellen, daß niemand Gott als Mann darstellen darf, daß das Gottesbild von Männern erdacht und als Machtmittel eingesetzt worden war.
enn Mechthild Gott als Kugel und Kreis darstellte und als das “große Gefäß« bezeichnete, verwendete sie, vermutlich ohne es zu wissen, uralte, weiblich-matriarchale Göttinnenbilder. Mechthild von Magdeburg wagte es, die Bibel neu zu deuten, Gott als auch weiblich zu benennen – und das war wirklich ein Wagnis.
Die Informationen über die Repressalien, die im 13. Jahrhundert den Beginen und den gebildeten Frauen generell auferlegt wurden, sind hochinteressant, auch für Frauen, die Bescheid wissen. Die fiktiven Predigten und Aussagen Mechthilds sind überzeugend und mitreißend – doch sie geben wohl mehr Sonja A. Buholzers Ansichten wieder als die Mechthilds von Magdeburg, über die wir einfach zu wenig wissen.
Dieses Buch stellt mich vor eine schwierige Aufgabe. Ich mag Romane über historische Personen nicht sehr, doch ist dies kein wirklicher Roman, denn die Autorin durchbricht die übliche Romanform mit Formulierungen wie “Sie soll mit wildem Herzen gesprochen haben«. Das ist ein sympathischer Zug des Buches.
Dazu kommt, daß ich als Nicht-Christin (die ihre Zeit dafür gebraucht hat) engagierte Christinnen – und seien sie noch so feministisch, eigenständig und selbstbewußt gegenüber anmaßender Männlichkeit – mit Mißtrauen betrachte. Bücher über Frauen, die einen Mann anbeten, zählen nicht zu meiner Lieblingslektüre. Auch das Argument: “Kind ihrer Zeit« kann ich nur teilweise gelten lassen. Doch muß ich akzeptieren, daß einerseits viele Frauen auch heute mehr oder weniger stark im Christentum verhaftet sind und daß ihnen daher Frauen wie Marguerite de Porété, Hildegard von Bingen oder eben Mechthild von Magdeburg starke Vorbilder sein können - auch Nicht-Christinnen können einiges von ihnen lernen –, und daß andererseits sie möglicherweise das Wort “Gott« nicht männlich definierten und sich auf Bibel und Jesus nur bezogen, um die Menschen zu erreichen.
Trotz des Herz-Schmerz-Stils überwiegt der positive Eindruck: die Informationen über die Zeit, das Kennenlernen einer Frau, über die wir zu wenig wissen, die Leidenschaft der Autorin für ihr Thema.
Wenn eine überhaupt nicht versteht, warum ich mich an Formulierungen wie “Es war, als lege sich ein zarter Schleier eines gemeinsamen Geheimnisses über den Raum« störe (die Geschmäcker sind ja Göttin sei Dank verschieden), dann gilt für sie der Stil-Einwand nicht und meine Empfehlung ist uneingeschränkt. Für alle anderen: eine interessante Frau, eine böse Zeit, wichtiges Basiswissen. Frauengeschichte nicht gerade at it´s best, aber doch ansprechend und anregend.
 Sonja A. Buholzer: Solange du liebst Botschaften einer Rebellin
eFeF Verlag, 2004 280 Seiten, gebunden € 24,00 / sFr 36,00 ISBN 3-905561-63-8
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DIE AUTORIN:
Drin. phil. Sonja A. Buholzer Schweizerin, Studium der Literaturwissenschaft, Philosophie, Literaturkritik und Geschichte, später Umstieg in die Wirtschaft. Wirtschaftsreferentin und Coachin weiblicher Führungskräfte, gründete eine Wirtschaftsberatung, um Wirtschaftsethik und Leadership zu verbinden. www.sonjabuholzer.ch
Ihre Bücher:
- Überlebensstrategien für Frauen. Pocket-Guide Frauenzeit, Orell Füssli, 2002
- Ver-rückte Zeiten. Die neuen Rollen im Welttheater des 21. Jahrhundert, Orell Füssli Management, 2001
- Frauenzeit. Erfolgsstrategien für Gewinnerinnen, Orell Füssli, 1999
- Hörbuch 2002: Frauenzeit. Frauen starten durch. 4-AudioKassetten, Rusch Verlag, 2002
- Aufbruch. Profilierte Frauen in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, Orell Füssli, Report aktuell, 1990
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