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SKANDALGESCHICHTEN© Marlen Schachinger (20.04.05)
Aspekte einer Frauenliteraturgeschichte
"Die Literatur kennt offensichtlich kein Geschlecht, und doch ist die Geschichte der Literatur eine, die von Männern geschrieben wurde." (Carola Hilmes)
Diese Tatsache wird sich leider auch nach diesem Buch nicht ändern... Jedoch vorab:
ine Fülle von Gesichtspunkten wird hier beleuchtet, deren Natur sehr unterschiedlicher Art ist. Sie reichen von:
- Autorinnen der Reiseliteratur wie Lady Montagu, Lady Craven und Ida von Hahn-Hahn und dem problematischen Blick durch die eigene Brille auf Fremdes
- über die Publikationsbedingungen für Autorinnen im Zeitraum 1770 bis 1830 anhand der Autorinnen Sophie von La Roche, Rahel Varnhagen, Charlotte von Stein, Bettine von Arnim, Olympe de Gouges, Mary Woolstonecraft, Wilhelmine Karoline von Wobeser, Johanna Eleonore von Wallenrodt, Maria Anna Sager und Caroline Auguste Fischer und deren Bedürfnis, ihr Schreiben zu chiffrieren, zu kaschieren oder ihm Bedeutungslosigkeit zumindest in literarischen Belangen zu unterstellen beziehungsweise dem Versuch sich gegen diese Unterstellung zu behaupten
- zur literarischen Darstellung romantischer Liebe im Werk Karoline von Günderodes und Lou Andreas-Salomés – wobei hier der Blick auf den Skandal ein wenig an den Rand gedrängt wird – oder sollte sich dieser darin subsumieren, dass Karoline von Günderode mit Bettine von Arnim befreundet war und Freundschaft als "Liebe auf Distanz" beschreibt? In ihrem Werk sich hingegen Freundschaft stets als eine unter Männern thematisierte findet; romantische Liebe andererseits wird zum Kuss im Traum; Lou Andreas-Salomé, die damaligen Feministinnen als Antifeministin galt, sieht die ‚wahre’ Liebe als "Religion zu zweit"
- über die neue Eva - Weiblichkeit und Technik von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zu Angela Carters The Passion of New Eve
- zur Avantgardistin Elsa von Freytag-Loringhoven, dieser in New York lebenden Dadaistin, die konventionelle weibliche Rollen negierte und sich in der Übererfüllung sexualisierter Frauenbilder und dem Anspruch, das Leben selbst soll Kunstwerk sein zerrieb - "There are many lives to live." [sic!] - (ein besonders gelungenes Kapitel meines Erachtens)
- und der Bogen spannt sich weiter: auf Elsa von Freytag-Loringhoven und ihr Leben als Kunstwerk folgen Unica Zürns sich ineinander verschiebenden Ebenen von Leben und Werk
- alsdann die Figuren-Darstellung der Medea im 20. Jahrhundert im Werk Hans Henny Jahns, Marie Luise Kaschnitz’, Heiner Müllers und Christa Wolfs. Diesem Kapitel folgt erstmals ein tabellarischer Titel-Verweis sowie der Abdruck dreier Medea-Texte verschiedener AutorInnen
- Und das Buch schließt mit einer Besprechung von Madonnas zensurierten Musikvideos und der darin dargestellten Körperlichkeit und Sexualität.
Bereits beim Betrachten dieser Kapitelinhalte wird deutlich, dass ein Unterfangen wie 300 Jahre Literaturgeschichte – selbst wenn wir sie unter einem einzigen Blickpunkt (künstlerische Selbstverständnis) betrachten – viel zu umfassend sein muss, um diese sinnvoll in 245 Seiten zu pressen. Carola Hilmes "Skandalgeschichte" kann also nur als Anregung zur weiteren Auseinandersetzung verstanden werden.
Teilweise ist Hilmes Darstellung obendrein sehr sprunghaft, mangelnd strukturiert und ihre Auswahl aus der Überfülle wirkt manchmal, als würde sie sich aus den großen Themenbereichen Einzelheiten, Fragmente herauspicken, um diese der Leserin und dem Leser in aller Kürze hinzuwerfen, der und dem danach über all der Materialfülle der Blick für das Ganze abhanden zu kommen droht. Dies mag vielleicht auch daran liegen, dass es sich dabei um einzelne Essays zu handeln scheint.
Trotz der fundierten Recherche ist dieses Buch also nicht als Einstiegslektüre in die feministische Literaturwissenschaft zu empfehlen. Wer jedoch nach Lektüre-Anregungen und neu zu entdeckende Autorinnen früherer Generationen sucht, dem und der sei diese “Skandalgeschichte« empfohlen.
Carola Hilmes Skandalgeschichten Aspekte einer Frauenliteraturgeschichte
Ulrike Helmer Verlag, 2004 245 Seiten, broschiert €D 22,90 / €A 23,60 / sFr 41,20 ISBN 3-89741-154-7
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ZUR AUTORIN:
Dr.in Carola Hilmes studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Freiburg/Bg., Edinburgh, Frankfurt/M. und Paris. Sie ist Privatdozentin an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt und freie Mitarbeiterin beim Hessischen Rundfunk; Vertretungs- und Gastprofessuren an den Universitäten Essen, Innsbruck und Lodz.
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