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HILDE SCHMöLZER: DIE ABGESCHAFFTE MUTTER© Irene Fleiss (21.01.06)
Der männliche Gebärneid und seine Folgen
Hilde Schmölzer spannt in ihrem neuen Buch den Bogen vom matriarchalen Beginn über patriarchale Mutterschaftsideologien zur Frau als Rohstofflieferantin im Labor. - Eine Pflichtlektüre für alle Frauen und Mädchen!
ilde Schmölzer erzählt von alleinzeugenden Göttinnen, von matriarchaler Erotik und Liebe, von Göttern, die durch (Mutter-)Mord an die Macht kamen, von matriarchalen Aufständen (Luzifer, Jörd, Zwerge und Riesen), von der Kontrolle der weiblichen Sexualität und Fruchtbarkeit, von Resten einer aussterbenden Frauenkultur bis ins Mittelalter. Sie beschäftigt sich mit dem Matriarchatsbegriff und der Diskussion darüber, mit Kindererziehung als "natürlicher Quelle" für Friedenspolitik und mit dem verfemten Biologismus, der als Totschlag-Argument eingesetzt wird, aber "im Grunde patriarchalen Definitionen aufsitzt".
In der angeheizt geführten Matriarchatsdebatte bezieht Hilde Schmölzer klar Stellung, erläutert ihre Position und spricht auch über die Hypothesen zur Entstehung männlicher Herrschaft. Am Beginn männlicher Herrschaft stand nicht nur Gewalt, sondern auch die Lüge; das belegt die Autorin eindrucksvoll.
"Die ständigen Einwände, dass Frauen keine besseren Menschen sind, schießen am eigentlichen Ziel vorbei! Es wird ja auch nicht darüber diskutiert, ob demokratisch oder autoritär eingestellte Menschen die besseren Menschen sind, sondern es wird darüber diskutiert, ob das System, das sie vertreten, das bessere ist."
Naturnähe von Frauen sei nur dann ein Nachteil, "wenn der patriarchale beziehungsweise anthropozentrische Naturbegriff akzeptiert wird", dessen abwertende Bedeutung mit hierarchischem Denken zusammenhängt. Hilde Schmölzer bezieht sich auf viele AutorInnen und benennt sie auch gleich im Text (u.a. Heide Göttner-Abendroth, Claudia von Werlhof, Sara Ruddick, Erich Fromm, Christina von Braun, Luce Irigaray, Luisa Muraro, Gena Corea), was besonders angenehm ist für Frauen, die zu einem bestimmten Themenkomplex selbst weiterlesen möchten. Hilde Schmölzer gelingt es, klarzumachen, daß es ihr weder um eine "Idealisierung der Mutterschaft" geht noch darum, Mütter und ihre Leistungen abzuwerten und zu marginalisieren.
Dann bricht sie zu einer höchst informativen Rundfahrt durch mehrere tausend Jahre menschlicher/weiblicher Vergangenheit auf, Schwerpunkt: Mutterschaft und ihre männliche Aneignung. Unter anderem geht es um: männliche Geistgeburt, schwangere Männer, Initiationen, "Prothesenleben", "Frau als Krankheit", die Hatz gegen Hebammen, das "verderbliche Fleisch", die Mißachtung von Müttern bezihungsweise des mütterlichen Lebens, Kindbettfieber, Mütterelend und Kinderelend, das Ammentum in der frühen Neuzeit, die Abtreibung (Selbstbestimmung der Frau versus Kontrolle über die weibliche Gebärmacht), Zwangssterilisierung an Frauen der Dritten Welt (nicht jedoch an den Männern!), weibliche Selbstverleugnung im Dienste eines imaginären patriarchalen Gottes, Philosophen und die "Aufklärung" ohne Frauen, Hysterie, Hausfrauisierung, die Psychologisierung der Mutter-Kind-Beziehung, die "Heldenmütter" des Nationalsozialismus, den "Muttermord" in der Psychoanalyse, die "furchtbare Mutter" und den Vater als "Retter und Befreier", "neue Väter", die ausgelöschte weibliche Genealogie, die Trennungslüge, die Angst vieler Frauen, den Sohn durch "zu viel Zärtlichkeit zu verweiblichen", die "Muttermaschine", Retortenkinder, Homöopathiebehandlung gegen Unfruchtbarkeit (und warum sie kaum eingesetzt wird), Frühgeburten, die Prüfung von Embryonen auf genetische Abweichungen (in etlichen Ländern erlaubt und praktiziert!), fehlenden Respekt vor Tieren und in Folge vor Menschen, Stammzellenforschung, Eugenik, künstliche Gebärmütter, das "Forschungsgut Embryo", Leihmutterschaft und "Mutterschaft als Prostitution", das Kind als Ware, den Vater als "alleinigen Elter", Klonen, feministischen Widerstand, Idealisierung der Mutterschaft versus "barbarische Schwangerschaft", Mütter als Stiefkinder der Gesellschaft, die modernen Forderungen an Mütter, die "abgeschaffte Mutter", die "Maschine als bessere Mutter".
Schon lange sind Frauen verstrickt in das patriarchale Machtgeflecht, haben sich darin verstricken müssen, um ihre Kinder zu schützen und um bei ihnen sein zu können.
"Dieses Verstricktsein in familiäre, später gesellschaftliche Strukturen, ihr Eingebundensein und ihre Abhängigkeit haben Frauen bis heute einen Widerstand erschwert." Und haben, möchte ich hinzufügen, zur Mit-Täterinnenschaft geführt - die bei Frauen, die Bescheid wissen und dennoch nichts unternehmen, nichts unternehmen wollen, zur Täterinnenschaft wird.
Die Mutterschaft wurde instrumentalisiert, Mütter je nach Bedarf verherrlicht (um dem Staat viele Soldaten zu gebären) und zum Sündenbock für alles und jedes erklärt. Dabei wurden Mütter zu bloßen Gefäßen erklärt, mit dem Kind nicht verwandt. Über Jahrtausende arbeiteten die Männer daran, Mütter abzuschaffen (vom kopfgebärenden Zeus über die Homunkulus erschaffenden Alchimisten des Mittelalters bis zu den besessen betriebenen Klonversuchen der Gegenwart). Menschenverachtende, machtbesessene Manipulationen am werdenden Leben sind allerdings nur möglich, weil Frauen "ihren Körper geöffnet" und ihr Kind preisgegeben haben. Ahnungslose Opfer? Unwissende Mittäterinnen? Bewußte Täterinnen? Frauen in der sogenannen "Ersten Welt" müßten so ahnungslos und unwissend nicht sein. Und selbst größte Unwissenheit sollte nicht bewirken - nicht bei Frauen mit Eigenverantwortung und Selbstbestimmung -, daß eine Frau sagt: 'Hier, macht mit mir und meinem Kind, was ihr wollt. Ich habe zwar keine Ahnung, was ihr tut, aber ihr habt gesagt, es ist wichtig, also tobt euch nur an mir aus.' Bittere Ironie, daß die Ergebnisse dieser Forschungen (Stammzellenforschung beispielsweise) bei weitem nicht das halten, was die vollmundigen Medienberichte versprechen. (Das hat sich ja erst unlängst bewiesen, als herausgekommen ist, daß ein - mittlerweile untergetauchter - Wissenschaftler seine Daten gefälscht hatte.)
Heute tun Frauen fleißiger mit denn je. Sie suchen Leihmütter, um sich oder häufig ihrem Mann den Kinderwunsch zu erfüllen, sie unterziehen sich qualvollen und teuren künstlichen Befruchtungen, demonstrieren vor Abtreibungskliniken gegen das Selbstverfügungsrecht von Frauen über ihren Körper, unterstützen Versuche an Embryos, sind für Stammzellenforschung, betrachten Menstruation und Schwangerschaft als lästige Störfaktoren, die die (patriarchale) Medizin doch bittebitte abschaffen möge. - Warum tun Frauen sich beispielsweise die Qualen einer künstlichen Befruchtung an? Denn schließlich tun sie es ja "freiwillig". Aber mit der Freiwilligkeit ist das so eine Sache. "Denn wir alle unterstehen den Zwängen einer Gesellschaft, in der eine unfruchtbare Frau immer noch keine richtige Frau ist." Dazu kommt der Mythos von der Machbarkeit. "Früher wurde Kinderlosigkeit als Schicksal angenommen, heute erscheint sie als eine zu reparierende Krankheit."
Zuletzt betont Hilde Schmölzer, wie wichtig "radikale Gegenentwürfe nicht nur für das Leben in der Gesellschaft, sondern auch für Wissenschaft, Kunst und Kultur" sind. Der Wahnsinn, der darin liegt, daß besessen an künstliche Geburten gearbeitet wird, während jährlich eine halbe Million (!) Frauen während Schwangerschaft und Geburt sterben (lt. WHO-Bericht) muß Frauen (und Männern) ins Bewußtsein gebracht werden. Ihr Schlußsatz klingt fast ein wenig verzweifelt (kein Wunder in dieser Welt): "Warum sollen wir nicht positive Utopien entwerfen und daran glauben dürfen in einer Welt, die ihrer so dringend bedarf?"
Für Frauen, die sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben, nicht immer die leichteste Kost - aber dringend notwendig. Frauen, die sich noch Illusionen über unser aller Patriarchat hingeben oder glauben, was sie in der Schule in Geschichte, Religion und Philosophie gelernt haben, sollten unbedingt zu diesem Buch greifen. Informativ in seinem historischen Überblick auch für jene, denen "Reproduktionstechnologie" schon mehr ist als ein Fremdwort. Es geht nicht nur um die Vergangenheit (die wichtig genug ist), sondern auch um ganz gegenwärtige Entwicklungen, die uns alle betreffen und letzenendes bedrohen. Was die Enteignung der Frauen angeht, ist es nicht "5 vor 12", sondern "10 nach 12". Denn es geht den Wissenschaftlern (und angepaßten Wissenschaftlerinnen) nicht um das Leben an sich oder seine Verschönerung für alle, sondern um die Macht darüber. Gott spielen - Gott sein - und die patriarchalen männlichen Götter geben das lebensverachtende Muster vor. Nicht alles, was machbar ist, darf auch gemacht werden - und dieses Buch zeigt deutlich, warum das so ist.
Ein Buch, das mehrere andere ersetzt, so fundiert ist es, dabei angenehm zu lesen. Ein Thema, über das wir alle mehr wissen müssen, denn unsere Zukunft hängt daran.
 Hilde Schmölzer Die abgeschaffte Mutter Der männliche Gebärneid und seine Folgen
Promedia Verlag, 2005 240 Seiten, broschiert €D 21,90 / €A 22,60 / sFr 37,20 ISBN 3-85371-241-X
Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)
ÜBER DIE AUTORIN:
Hilde Schmölzer 1937 geboren, promovierte in Kunstgeschichte und Publizistik, war als freiberufliche Journalistin und Photographin tätig, arbeitete beim ORF, war Mitglied des PEN und ist Mitglied verschiedener AutorInnen- und SchriftstellerInnenverbände. Seit 1990 ist sie ausschließlich als Autorin mit dem Schwerpunkt Frauengeschichte und Frauenbiographien tätig.
Ihre Bücher (Auswahl): • Frau-Sein und Schreiben. Österreichische Schriftstellerinnen definieren sich selbst. (Österr. Bundesverlag, Wien 1982) • Phänomen Hexe. Wahn und Wirklichkeit im Lauf der Jahrhunderte. (Herold Verlag, Wien 1986) • Die verlorene Geschichte der Frau. 100.000 Jahre unterschlagene Vergangenheit. (Edition Tau, Bad Sauerbrunn 1990) • Die Frau, das gekaufte Geschlecht. Ehe, Liebe und Prostitution im Patriarchat. (Edition Tau, Bad Sauerbrunn 1993) • Der Krieg ist männlich. Ist der Friede weiblich? (Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1996) • Revolte der Frauen. Porträts aus 200 Jahren Emanzipation der Frau. (Ueberreuter, Wien 1999) • Rosa Mayreder. Ein Leben zwischen Utopie und Wirklichkeit. (Promedia, Wien 2002)
Kommentare unserer Leserinnen...* Du kannst ...:   Hilde Schmölzer: Die abgeschaffte Mutter

Irene Fleiss
13.04.08 20:55
Der männliche Gebärneid und seine Folgen
Hilde Schmölzer spannt in ihrem neuen Buch den Bogen vom matriarchalen Beginn über patriarchale Mutterschaftsideologien zur Frau als Rohstofflieferantin im Labor. - Eine Pflichtlektüre für alle Frauen und Mädchen! dieser Kommentar wurde automatisch erstellt, damit Forenbesucherinnen zum Artikel finden und den Zusammenhang verstehen
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 Re: Hilde Schmölzer: Die abgeschaffte Mutter

saltnpepa
13.04.08 21:28
das hoert sich wirklich nach einem sehr interessanten buch an, danke fuer den hinweis
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