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DIE WAHRHEIT üBER DIE LILA LATZHOSEN© Irene Fleiss (08.02.06)
Eine Zeitzeugin erzählt von frauenbewegter Lust und Last
Ursula G. T. Müller zeichnet am Beispiel ihrer eigenen Erfahrungen in der Stadt Gießen 15 Jahre Frauenbewegung nach. Eine interessante Sache für alle Feministinnen, Frauenrechtlerinnen und Emanzen.
1972 kam die 28jährige Ursula Müller nach zwei Jahren USA und amerikanischer Frauenbewegung nach Gießen. Was sie erlebt, welcher Kulturschock sie trifft, ist interessant und durchaus amüsant zu lesen.
Die Autorin erzählt über spannende Zeiten, die uns so weit entfernt wie der Erste Weltkrieg vorkommen. “Aktionsrat zur Befreiung der Frauen«? “Consciousness Raising«? Kommunismus und Nebenwiderspruch? Die Abtreibungsdebatte (§218 in Deutschland) ist leider immer noch aktuell, und die sozialistischen Frauen, die Feminismus als anrüchig empfanden, kommen mir bekannt vor; die haben heute noch Nachfahrinnen. Wie erfahren nicht nur etwas über die deutsche Frauenbewegung (auch wenn Gießen vielleicht wirklich drei Jahre hinter dem deutschen Schnitt herhinkte), sondern auch - dank des vergangenen USA-Aufenthalts der Autorin - etwas über die amerikanischen Aktivitäten. Viele Facetten der deutschen Frauenbewegung der 70er und 80er blitzen auf - manche werden uns ausführlicher gezeigt, manche kurz gestreift. Es geht um:
die Lesben-Schwulen-Bewegung; die Anrede “Fräulein« (die in Deutschland erst 1972 abgeschafft worden ist, doch wenn ich mich richtig erinnere, muß es in Österreich noch später gewesen sein, denn 1976 hat mein erster Chef die klare Grenze gezogen: “Ab 18 steht Ihnen die Anrede Frau zu!«); die Neue Linke, Solidarität mit unterdrückten Völkern und diskriminierten Gruppen; Männerquoten; “Gemeinsam sind wir stark!«; den Vorwurf des Männerhasses; weibliche Werte und Umgangsformen; Emotionalität versus Rationalität; den Lesben-Hetera-Streit, Männer in Frauengruppen; linke Chauvinisten; Schlüsselkinder; die Familienrechtsreform; die Sexwelle und gleichberechtigte Sexualität; die Bestseller “Der kleine Unterschied« und “Häutungen«; die Pille; Sexualkundeunterricht; Hysterie als Strategie; fremdbestimmte Kleidung; die Symbolik der lila Latzhose als Requisit einer Sub- bzw. Gegenkultur; die alternative Frauenkultur; lesbisches Leben in Theorie und Praxis; “Die Geschichte der O«; Chauvis in der Wissenschaft; die “Lohn-für-Hausarbeit«-Forderung; das Androgyniekonzept; Frauen und Frauenforschung an der Universität; Neue Mütterlichkeit, Weiblichkeit und Innerlichkeit; Psychoanalyse; den “Fisch ohne Fahrrad«; den “Backlash«; die “Schuld« der Frauen daran, daß sie noch immer nicht so gut gestellt sind wie Männer; eine eingeschränkt frauenfreundliche Kultur; Frauenkalender; Frauenbeauftragte; Männersprache; Anti-Feminismus; Stereotypen und Medien; Gleichheit - Differenz, “Wir erobern uns die Nacht zurück!«; Pornographie und “Prüderie«; strukturelle Gewalt gegen Frauen; die Opfer-Feminismus-Diskussion; Frauenhausarbeit; Feministinnen und Beruf; Feminismus als Beruf.
“In einer Gesellschaft, in der Männer das Sagen haben, war - und ist - Männerfeindlichkeit unverzeihlich oder doch wenigstens nicht gut angesehen.«
Die erste Hälfte der Siebziger war von verbissenen Schulungen geprägt, die zweite war wesentlich lustbetonter. Ursula Müller hatte vermutlich recht, wenn sie Anfang der Siebziger linke Frauen als “durch und durch angepaßt an männerbestimmte Politikvorstellungen und an die Bedürfnisse ihrer Partner« bezeichnete. Die Konstruktion der einfachen, doppelten und dreifachen Unterdrückung von Frauen (Frauen der herrschenden Klasse - Frauen der Arbeiterklasse - Frauen ethnischer Minderheiten in der Arbeiterklasse) war heftig umstritten. So etwas klingt bekannt: Heftige Diskussionen über Grundsätzliches bewegen uns heute genauso wie die Frauen in den 70ern.
Die Autorin erzählt von schönen Erlebnissen und positiven Aspekten, doch sie ist so ehrlich, zuzugeben, daß in der Frauenbewegung niemals “Friede, Freude, Eierkuchen« geherrscht haben: Tyrannei, Differenzen, Rigidität, politische Korrektheit, Defensivität, studentische Abgeschlossenheit benennt sie offen. “Es gibt eben kein richtiges Leben im falschen.«
“Stimmt es denn dann, dass sich - wie heute häufig zu hören - die Lage der Frauen derart verbessert hat, dass eine Frauenbewegung heute keine Ansatzpunkte mehr hätte? Eine Altfeministin wie ich kann diese Frage nicht bejahen. Ich habe immer noch Wünsche, von deren Realisierung wir noch Lichtjahre entfernt sind. Ich kann die Utopien nicht vergessen, von denen wir als sozialistische Feministinnen in der ersten Welle der Frauenbewegung träumten, nämlich von einem Leben ohne Unterdrückung, ohne Ausbeutung.«
Emanzipationsziel waren (und sollten noch immer sein) gesellschaftliche und soziale Veränderungen und nicht die Bewältigung von Kind und Karriere.
Ich persönlich hätte gern etwas mehr über die Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele (etwa Abschaffung des Abtreibungsparagraphen oder Familienrechtsreform) erfahren, aber das ist Geschmackssache. Manches sehe ich anders als die Autorin, doch gehören Unterschiede in der Sichtweise dazu. Bloß weil Frauen in der Frauenrechtsbewegung aktiv sind, sind sie noch keine Klone mit gleichen Ansichten und Meinungen. Im allgemeinen ist auch der autobiographische Zugang nicht ganz meine Sache, er ist aber hilfreich und läßt die Zeit lebendig werden.
Wer sollte dieses Buch lesen? Erst einmal alle Feministinnen - außer sie sind alt genug, um die Zeit selbst erlebt zu haben, aber auch dann eignet es sich gut dazu, Erinnerungen aufzufrischen oder Unterschiede zum eigenen Erleben festzustellen. Weiters Frauen mit Interesse an Zeit- und Frauengeschichte - und eigentlich alle, die wissen, daß viele Frauen hart daran gearbeitet haben, jahrhundertelange Ungerechtigkeit zu beenden. Wer Bücher über die Suffragetten und die Erste Deutsche Frauenbewegung hat, die braucht als aktuelle Ergänzung dieses Buch. Alle, die sich gern und bewußt als Feministin oder Emanze bezeichnen, werden Gefallen an diesem persönlichen Bericht einer aktiven Feministin finden.
 Ursula G. T. Müller Die Wahrheit über die lila Latzhosen Höhen und Tiefen in 15 Jahren Frauenbewegung
Psychosozial-Verlag, 2004 390 Seiten, broschiert €D 24,90 / €A 25,60 / sFr 43,70 ISBN 3-89806-259-7
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ZUR AUTORIN:
Ursula G. T. Müller: Jahrgang 1944, war Mathematikprofessorin in den USA, Soziologin in Gießen, Frauenbeauftragte in Hannover, Staatssekretärin in Schleswig-Holstein.
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