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DIE VILLA KUNTERBUNT IN UNSER LEBEN HOLEN© Irene Fleiss (07.11.06)
Christine Weiner, Carola Kupfer: Das Pippilotta-Prinzip
Pippi Langstrumpf ist beherzt, aufmüpfig, unabhängig, denkt selber - ein gutes Vorbild also für Frauen, die in der Tretmühle aus Ansprüchen, Perfektionismus und Zeitdruck stecken. Eine locker-flockige Ratgeberin will Lust machen, das eigene Leben in eine "Villa Kunterbunt" zu verwandeln.
orausgeschickt: Ich war keine Pippi-Fanin. Ich habe das Buch nicht gelesen und von der Serie nur ein paar Folgen gesehen, und die haben mir nicht gefallen. Ich habe mich allerdings auch nie gern verkleidet, und ich war ein braves, angepasstes Kind... Dementsprechend neugierig war ich auf dieses Buch. Was hat Pippi Langstrumpf erwachsenen Frauen zu sagen?
"Sie singt sich ein Lied, unterhält sich selbst, macht ein paar Späße und ist vereint mit sich und der Welt. ... Pippi beherrscht die Kunst, in den Tag hinein zu leben: Niemand wird erwartet, und doch ist jedermann willkommen."
Das klingt ja nicht so schlecht. Auch der Rat, Fehler, Umwege und Versuche als notwendige Schritte anzunehmen, ist sicher hilfreich. Pippi kennt keine inneren Verbote und negativen Glaubenssätze - was in manchen Ratschlägen auf das altbekannte generalisierende "positive Denken" hinausläuft, aber es ist auf eine nette Weise verpackt. Es geht darum, mit sich zufrieden zu sein, darum, das zu werden, was wir sind. Pippi "geht ihren Wünschen und Neigungen nach, kasteit sich nicht, und innere wie äußere Beschränkungen werden von ihr ignoriert. Sie lebt den Überfluss - und wenn es ihr überhaupt an etwas mangelt, dann an dieser inneren moralischen Instanz, die vielen Menschen nur zu häufig den Tag vermiest, indem sie vorschreibt, wie viele Stückchen der Schokolade einem zustehen". Es geht nicht darum, über die eigenen finanziellen Verhältnisse zu leben, sondern darum, uns das, was wir uns leisten können, gern zu leisten. Daran hapert es oft, dieses Verständnis von Überfluß täte vielen Frauen gut.
Ein Überblick über den Inhalt zeigt, worum es den Autorinnen geht:
- Wie Suchen zum Genuß wird
- Zufriedene Menschen sind charismatisch
- Manipulation erkennen
- Wie unterhält man sich selbst
- Zurückschauen macht manchmal wütend - na und?
- Kleine Philosophie des Zurückgehens
- Bonbons für die Seele
- Nutzen Sie Ihre Möglichkeiten!
- Ich bin ich - und zwar gern!
- Grenztänzerin werden
- Wer auffallen will, muß auffallen!
- Anstrengend, merkwürdig - oder anspruchsvoll?
- Trauen Sie sich, Nein zu agen
- Einsam ist man nur ohne sich selbst
- Emotionale Intelligenz und Instinkt
- Organisiertes Chaos wirkt charmant
- Wie man ein Hamsterrad aushält
- Wie findet man heraus, was man wirklich will?
In jedem Kapitel gibt es Fallbeispiele und Übungen, meist spielerischer Art, in erster Linie an Frauen Ende 20, Anfang 30 gerichtet, der Ton des Buches ist leicht, gleitet aber eher selten in Oberflächlichkeit ab.
Einige Fragen, die sich mir beim Lesen des Buches aufgedrängt haben: Wie konnten Pippi-Faninnen zu angepassten, braven Annika-Frauen werden? Diente Pippis Freiheit ihren begeisterten Leserinnen nur als Ablenkung, als virtuelle Flucht vor der eigenen Angepasstheit? Sich mit Pippi freuen, ihre Unabhängigkeit und Unbekümmertheit genießen - und dann: Buch zu, zurück in die graue Realität? Dafür spricht die Beliebtheit von Pippi Langstrumpf-Verkleidungen im Fasching (Sind sie wirklich so zahlreich, wie die Autorinnen behaupten?). Diese Fragen beantwortet das Buch nicht, auch nicht die Frage, wieso seit über 20 Jahren mit schöner Regelmäßigkeit Bücher auf den Markt kommen und Leserinnen finden, die in braven Frauen das "böse Mädchen", die "Wölfin" oder eben die Pippilotta wecken wollen. Offenbar ändert sich an Erziehung und Lebensgewohnheiten von Mädchen nichts, Annika-Frauen ziehen weiterhin Annika-Töchter auf. Allerdings ist das auch nicht die Absicht dieses Buches.
Es will ganz einfach Annika-Frauen helfen, Pippi-Eigenschaften in ihr Leben zu integrieren und es dadurch bunter, fröhlicher und weniger anstrengend - wenn´s geht, auch autonomer - zu machen.
Nicht vergessen bei aller Pippi-Lobpreisung sollten wir allerdings, daß ihr vierter Vorname "Efraimstochter" ist. Nicht: "Annastochter" oder "Zitastochter". Wir haben also eine Vatertochter mit all ihren Vorzügen vor uns (Vatertöchter sind häufig sehr selbständig, autonom, selbstbewusst, durchsetzungsfähig). Aber taugt so eine vollkommen mutterlose Vatertochter (Hat Efraim sich durch Sprossen oder Ableger fortgepflanzt? Und wie hat er dann eine Tochter bekommen?) als Rollenmodell für ein durchschnittliches Mädchen, das von der Mutter aufgezogen wird und den Vater bestenfalls als lustigen Spielkameraden erlebt? Ist Pippis völlige Autonomie nicht auch zu weit entfernt von den Erfahrungen unserer Töchter?
Alles in allem: Ein nettes Buch für Frauen, die ihre Ute Ehrhardt verschenkt haben, "weil sie sie nicht mehr brauchen" und irgendwann erschrocken festgestellt haben, daß sie in alte Muster verfallen sind, und für solche, die sich über ihre Mütter mokiert haben, weil die die "Wolfsfrau" verschlungen haben, und jetzt merken, daß im Beruf wie im Privatleben mehr Leichtigkeit, Unabhängigkeit und Selbstironie durchaus angenehm wären - und die meinen, daß "Lebenshilfe" nicht unbedingt schwer daherkommen muß. Auch für Nicht-Pippi-Faninnen gut geeignet, begeisterte Pippi-Leserinnen aber werden sicher ihre Freude daran haben, sich ihre Kindheitsfreundin zu Hilfe zu holen.
 Christine Weiner, Carola Kupfer Das Pippilotta-Prinzip Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt
Campus Verlag, 2006 208 Seiten, broschiert €D 16,90 / €A 17,40 / sFr 29,90 ISBN 3-593-37768-3
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