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MAGAZIN

EINE IRANERIN IN ZüRICH - REFLEXIONEN üBER ZWEI LEBEN

© Irene Fleiss (18.04.07)


Kunst & Kultur

Parsua Bashi: Nylon Road. Eine graphische Novelle.

Parsua Bashi schildert in ironisch-reflektierten Selbstbegegnungen, in denen sie sich mit ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart auseinandersetzt, ein “ganz normales” Frauenleben im Iran.



Parsua Bashi: Nylon Road. Eine graphische Novelle.

ie Erzählerin zieht - der Liebe wegen - vom Iran in die Schweiz. Sie plagt sich damit ab, Deutsch zu lernen, einen Job zu finden, den Alltag zu bewältigen; beginnt, sich hoffnungslos unzulänglich zu fühlen. Dabei wird sie von ihren jüngeren Ichs besucht, die sie stärken, ihr Vorwürfe machen, sie an ihr Leben im Iran seit der Islamischen Revolution erinnern.

Da gibt es beispielsweise die 13jährige Kommunistin - die 16jährige, die trotz rigider Überwachung durch Revolutionspolizei und MoralwächterInnen im Iran bleibt, obwohl ihre ganze Umgebung auswandert und auch sie die Möglichkeit dazu hätte - die Kunststudentin, die versucht, zensierte Bücher zu lesen - die Mittzwanzigerin, die den falschen Mann heiratet - die iranische Patriotin - die geschiedene Frau, die zur hart arbeitenden Geschäftsfrau wird. Sie machen der 37jährigen Frau in ihrem neuen Leben klar, daß sie die Summe des von ihnen Erlebten ist.

Auch tragisches spart die Erzählerin nicht aus: die 70 Hiebe, die sie erhält, weil sie mit einem Kommilitonen auf der Straße unterwegs war (und das war sicher schmerzhafter und demütigender als dargestellt), und den Verzicht auf ihre 5jährige Tochter, weil sie die Scheidung wollte.

Persische und Schweizerische Menschen werden entlarvend und komisch dargestellt, aber niemals diffamiert, nicht einmal der Richter, der der Erzählerin ihr Kind wegnimmt, und die Frauen, die die Prügelstrafe an ihr vornehmen. Diskussionen über Trüffelöl erscheinen dem 27jährigen Ich der Erzählerin, das im Krieg versuchte, irgendetwas zum Essen aufzutreiben, egal was, frivol. Das gegenwärtige Ich verteidigt die Menschen und sich selbst und hat genauso recht. Wie auch andere Probleme, wird beispielsweise die Frage, ob eine Iranerin in der Schweiz unter Heimweh leiden muß und wann man sich wo zu Hause fühlt, sprachlich ernsthaft, zeichnerisch witzig behandelt. Als eine, die selbst mit der Sprache arbeitet und die Sprache liebt, verstehe ich Parsua Bashis Meinung völlig: “Ich glaube, zuhause ist man in seiner Muttersprache. Eine fremde Sprache, selbst wenn man sie perfekt beherrscht, erreicht nicht denselben emotionalen Tiefgang.” Die Zeichnung dazu ist köstlich.

Die eine oder andere Plattitüde gibt es auch: “Sie erinnerte mich daran, dass Orient und Okzident im Grunde nicht viel von einander wissen.” Manches ist beliebig, manches klar durchdacht.

Ein iranisches Frauenleben - Parsua Bashi schafft es, dieses Thema ernsthaft und unterhaltend zugleich darzustellen. Wir mögen die Heldin, in jeder ihrer Lebensphasen.

Parsua Bashi, 1966 in Teheran geboren, aufgewachsen in einer liberalen Familie, 2004 in die Schweiz gekommen, zeichnet voll Witz und (Selbst-)Ironie, mit Schärfe, Liebe zum Detail und Liebe zu den Menschen Bilder ihres Lebens im Iran und in der Schweiz. Zum Glück ist sie Designerin, denn was im Comic-Stil frisch, lebhaft und leicht daherkommt, könnte als (autobiographischer) Roman sehr rasch schwer, anklagend oder selbstmitleidig klingen. Die Zeichnungen bringen vieles ohne Umschweife auf den Punkt, das sich mit Worten nur umständlich ausdrücken ließe. Wir erfahren so manches aus der iranischen Zeitgeschichte, das auch interessierten und informierten westlichen Frauen nicht immer zur Gänze bekannt/bewußt ist. Mit Themen wie Hejab und religiöser/politischer Propaganda geht Parsua Bashi mit der Unaufgeregtheit der unmittelbar Betroffenen um. Den Westen sieht sie ebenso offen wie den Iran, ist für die Fehler weder des einen noch des anderen blind, aber auch nicht für die guten Seiten. Und daß grundsätzliche Fragen oft offen bleiben müssen, weiß sie auch:

“Wie kann man nur frei sein und über bestimmte Themen trotzdem nicht reden? Und was bedeutet das für die Meinungsfreiheit?”

Diese “autobiographische Erzählung in Bildern” wurde beim Wettbewerb der Pro Helvetia “Kulturelle Welten in der Schweiz” ausgezeichnet - und das sicher zu Recht.

Parsua Bashi: Nylon Road
Parsua Bashi
Nylon Road

Eine graphische Novelle
Kein & Aber Verlag, 2006
128 Seiten, broschiert
€D 19,90 / €A 20,50 / sFr 29,90
ISBN: 3-0369-5238-1

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ZUR AUTORIN:

Parsua Bashi

... wurde 1966 in Teheran geboren und wuchs in einer liberalen Familie auf. Sie studierte von 1984 bis 1989 Grafikdesign und machte sich anschliessend als Grafikerin selbständig. Ihre Werke wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt und mehrfach ausgezeichnet. 1999 veröffentlichte sie ihr erstes illustriertes Kinderbuch. Im selben Jahr wurde sie bei einem Modewettbewerb ausge-zeichnet. 2004 verliess sie den Iran und lebt seitdem als Grafikerin in der Schweiz. Weitere Informationen: www.parsuabashi.com



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