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»DA IST MIR HALT DIE HAND AUSGERUTSCHT«© Broken Rainbow e.V. (01.06.07)
oder: das Schweigen der lesbischen Community
Dass Frauen nicht nur Opfer von häuslicher Gewalt sind, sondern auch zu Täterinnen werden, ist zwar seit längerem bekannt. Gewalt von Frauen und konkreter: Gewalt in lesbischen Beziehungen wird jedoch weithin tabuisiert.
chwul-lesbische Straßenfeste, CSD-Demos und queere Parties: Der Frühling ist eindeutig die Jahreszeit, in der die Szene am ausgiebigsten feiert. Es gibt auch Grund genug dazu.
Bei aller Harmonie und Freude über schwul-lesbische Präsenz lässt sich aber nicht verschweigen, dass auch die Community einige Themen gern unter den Teppich kehrt. Eines davon ist das Thema Gewalt in Liebesbeziehungen. Gerade was lesbische Beziehungen angeht, scheint darüber ein besonders stark wirkendes Tabu zu liegen: Frauen als Täterinnen scheinen weiterhin außerhalb der Vorstellung und der Wahrnehmung zu liegen, also "kann" es auch keine Gewalt in lesbischen Beziehungen geben. Das Thema wird oftmals heruntergespielt: "Ihr ist die Hand ausgerutscht" oder "sie ist halt ausgerastet", so sagen die betroffenen Frauen oft selbst oder so heißt es in ihrem Umfeld. Dass Gewalt in lesbischen Beziehungen ein ernst zu nehmendes Thema ist, wird auf diese Weise bagatellisiert. Durch beschönigende Entschuldigungen - "sie steht halt unter Stress" - erfolgt eine Solidarisierung mit der Täterin und wenn dann noch allgemein von "sie haben sich an die Köpfe gekriegt" die Rede ist, wird im Grunde damit unterstellt, dass beide Frauen gleichermaßen an dem gewalttätigen Geschehen beteiligt waren (was dann "weniger schlimm" ist). Auch wenn derartige Fälle tatsächlich vorkommen, so können im Regelfall doch Täterinnen und Opfer benannt werden. Zumal bei wiederholter, zyklisch wiederkehrender Gewalt, bei der die Abstände kürzer und die gewalttätigen Handlungen massiver werden: spätestens hier wird eine Partnerinnenschaft zu einer Täterin-Opfer-Beziehung.
Um das Thema Gewalt in lesbischen Beziehungen aus der Tabu-Zone herauszuholen, ist der Verein Broken Rainbow e.V. - Bundesverband lesbischer und lesbisch-schwuler sowie transidenter Anti-Gewalt-Projekte aktiv geworden. Bereits seit einem Jahr läuft unter dem Titel "Arbeit mit lesbischen Täterinnen häuslicher Gewalt" ein mit EU-Mitteln gefördertes Modellprojekt, dass sich dieses Themas annimmt und gerade die Arbeit mit lesbischen Frauen in den Vordergrund stellt, die gegenüber ihrer Partnerin gewalttätig sind beziehunsgweise Zwang ausüben. Ziel des Projektes ist es, die Besonderheiten in gewalttätigen lesbischen Beziehungen herauszuarbeiten und Strategien zur Prävention und ein Konzept zur psychosozialen Versorgung von Täterinnen und Opfern zu entwickeln. Im Rahmen dieses Projektes richtet der Verein Broken Rainbow e.V. im November 2007 eine internationale Fachtagung zum Thema Täterinnenarbeit in Frankfurt am Main aus.
Ein wesentliches Anliegen der Projektleiterin Constance Ohms ist die Enttabuisierung dieses Themas, also das Durchbrechen des Schweigens, sowohl von Betroffenen als auch von Beobachterinnen von gewalttätigen Beziehungs"dramen" als auch seitens der lesbischen Community. Das setzt auch voraus, die eigene Hilflosigkeit zu überwinden und konkret zu überlegen, wie man/frau in den gewalttätigen Situationen handeln kann. Denn das Schweigen und die Hilflosigkeit des FreundInnenkreises unterstützen die Wahrnehmung der gewaltausübenden Frau, "rechtens" zu handeln: Sie fühlt sich von ihrer Partnerin nicht verstanden beziehungsweise wahrgenommen, fühlt sich ohnmächtig, ist enttäuscht und wütend - und meint dann, keine Möglichkeit mehr zu haben, ihrer Verzweiflung und Ohnmacht anders Ausdruck zu verleihen als durch Zuschlagen. Und solange sich niemand offen gegen diese Sichtweise stellt, fühlen sich diese Frauen im Recht.
Zeuginnen von gewalttätigen Situationen können eine eindeutige Haltung dagegen zum Ausdruck bringen, können eine Solidarisierung mit der gewaltausübenden Frau vermeiden und sollten vor allem dem eigenen Gefühl vertrauen, wenn eine Situation als "komisch" empfunden wird. Die beobachtete Gewalt dann auch als das zu benennen und zu sagen, dass ein bestimmtes Verhalten als gewalttätig empfunden wird und nicht akzeptabel ist, ist ein Schritt, der nicht leicht fällt und mit dem frau sich nicht unbedingt Freundinnen macht, zumal wenn das Opfer dann plötzlich zu der schlagenden Freundin hält. Trotzdem: das einzige "Korrektiv" ist und bleibt das eigene Gefühl.
Auch in der lesbischen Subkultur sollte eine klare Position gegen Gewalt bezogen werden, sei es in Lokalen, Diskotheken oder anderen Lesbenräumen. Eine Politik der Gewaltfreiheit sollte der Regelfall sein. Es ist nicht mit einem Lokalverweis allein getan, viel wichtiger ist es, dass auch entsprechende Beratungsangebote für gewalttätige lesbische Frauen geschaffen werden, um ihnen zu ermöglichen, ihr Verhalten zu ändern. Auch dies ist ein Ziel des Projektes von Broken Rainbow e.V. , solche Angebote zu entwickeln.
Broken Rainbow e.V. Merseburger Straße 5 · 10823 Berlin · Tel +49 (0)30 78006331 · Fax +49 (0)30 78711753 · geschaeftsstelle@broken-rainbow.de · www.broken-rainbow.de
WEITERFÜHRENDES
Links www.lesben-gegen-gewalt.de www.vielfalt-statt-gewalt.de
Bücher Constance Ohms (Hgin.): Mehr als das Herz gebrochen. Gewalt in lesbischen Beziehungen, Orlanda Verlag 1993 Constance Ohms: Gewalt gegen Lesben, Querverlag 2000 Entscheidend Einschneidend. Mit Gewalt unter Frauen in lesbischen und feministischen Zusammenhängen umgehen, Milena Verlag, 2001
Kommentare unserer Leserinnen...* Du kannst ...:   »Da ist mir halt die Hand ausgerutscht«

Broken Rainbow e.V.
03.06.07 18:16
oder: das Schweigen der lesbischen Community
Dass Frauen nicht nur Opfer von häuslicher Gewalt sind, sondern auch zu Täterinnen werden, ist zwar seit längerem bekannt. Gewalt von Frauen und konkreter: Gewalt in lesbischen Beziehungen wird jedoch weithin tabuisiert. dieser Kommentar wurde automatisch erstellt, damit Forenbesucherinnen zum Artikel finden und den Zusammenhang verstehen
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 Re: »Da ist mir halt die Hand ausgerutscht«

Gästin
03.06.07 18:19
Es gibt noch ein wichtiges Buch zu dem Thema, einen Roman von Claudia Rath. Der heißt: "Eine geheime Geschichte" und es geht um eine Gewaltbeziehung zwischen zwei Frauen. Das Buch ist beim Milena-Verlag erschienen.
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