Wolfsmutter.com - Abenteuer Feminismus
Ein Frauen-Portal zu neuen Wegen, abseits der Nebenstraßen!

MAGAZIN

BEGEHRLICHE BLICKE

© Nina A. Müllner (09.07.07)


Kunst & Kultur

Lesbische Herstories laden zu einem Spaziergang in der Filmgeschichte

Die feministisch filminteressierte Lesbe will differenzierte Darstellungen von lesbischen Identitäten, geht zum lesbischen Filmfestival und liest "Das Begehren im Blick. Streifzüge durch 100 Jahre Lesbenfilmgeschichte" von Ingeborg Boxhammer.



Ingeborg Boxhammer: Das Begehren im Blick

ie Autorin kommt zwar sofort in der Einleitung auf den Blickwinkel zu sprechen, wissend, dass dem Blickwinkel gerade in der feministischen Filmtheorie grundlegende Bedeutung zukommt. Aber sie thematisiert ihre subjektive Filmauswahl nicht, wie auch Begriffe, wie beispielsweise New Queer Cinema zwar vorkommen, jedoch nicht näher erläutert werden.

Alles im Film ist inszeniert, manipuliert und nichts passiert hier rein zufällig!

Eine Definition von "Lesbenfilm" gibt Boxhammer vor: "Demnach ist ein Lesbenfilm ein Film, in dem etwas Erotisches und/oder Sexuelles zwischen Frauen passiert, in dem lesbische Charaktere agieren, ein Blickwechsel zu lang erscheint, in dem die Reaktionen der Beteiligten auf starke Irritation oder Leidenschaft schließen lassen. Dabei kann diese Interaktion auch nur Sekunden dauern." (S. 24)

Diese Art von Definition wirft jedoch mehr Fragen auf, als sie Antworten parat hält: Beziehen sich erotische Begehren nur auf zwei Frauen? Begeben wir uns dadurch nicht wie so oft in heteronormative Paarkonstellationen? Welche Rolle spielen hier Freundinnenschaften von/unter Lesben? Schweizerische und österreichische Bezugspunkte fehlen fast durchwegs wie immer!? [Anmerkung: Zumindest der Schweizer Film Katzenball von 2004 wird kurz erwähnt. What ´bout the Ösi-films? Österreichische lesbische und/oder queere Filme waren bei identities unter anderem im Kurzfilmprogramm zu sehen, hier bleiben sie unerwähnt, da bei Boxhammer Filme erst ab 40 Minuten Länge zur Auswahl kamen.]

Meine Erwartungshaltung hinsichtlich einer differenzierteren Betrachtungsweise von lesbischen Filmen wurde demnach enttäuscht. Malestream Cross-dressing Filme, die sich in den 1980er Jahren dem Aufbrechen tradierter Geschlechterrollen widmeten, verstärkten am Ende eher die heterosexuelle Matrix, dies ist bereits bekannt. Boxhammer unterscheidet nicht zwischen sex & gender, mitunter führt dies zu Irritationen, wie am Beispiel der Beschreibung von Boys don't cry nachzulesen ist.

Beim Streifzug durch die so genannte Lesbenfilmgeschichte fragt sich die Leserin wohl eher, für wen dieses Buch geschrieben wurde?

In chronologisch aufgeteilten Häppchen lädt die Autorin die Leserinnen zur lesbischen Spurensuche ein. Zumindest erfahren dadurch die Rezipientinnen von der amerikanischen Zensur ab Ende der 1920er Jahre, spätestens mit 1934 konnten lesbische Komponenten im Film nur mehr latent gelesen werden. Zur Zeit des Backlashes, somit im Jetzt, befinden wir uns auch wieder in einer Form der Zensur: Boxhammer spürt dies am Film Marlene, aus dem Jahre 2000, nach. In diesem deutschen Film wurde die Bisexualität von Marlene Dietrich komplett ausgespart. Die Spurensuche gestaltet sich demnach schwieriger, als frau wahrhaben möchte. Von der Spurensuche geht es zu den offensiveren, aber zumeist negativ konnotierten lesbischen Filmfiguren, wie in The Hunger (USA 1982), bis zu Nitrate Kisses (USA 1992). Bei den Beschreibungen von Fire (CAN 1996) und Chutney Popcorn (USA 1999) fehlt eine Thematisierung des sozio-kulturellen Kontextes völlig. Im Kapitel zu "lesbischer Liebe, Geschichte und Politik" wird ebenfalls nicht weit über den deutsch-deutschen Rand geblickt.

Ein Ausblick von der unsichtbaren Frauen-liebenden-Frau zur wohlstandsgenormten Mittelschichtslesbe mit Kinderwunsch lässt nichts Schönes erhoffen? Positiv anmerken möchte ich, dass zumindest dieser Kritikpunkt vorkommt, wie auch die Frage nach der Sichtbarkeit von Lesben im Alter. Wenn frau eine Art Auflistung vieler lesbischer Filme sucht, und zwar im zeitlichen Rahmen Anfang des 20. Jahrhunderts bis 2006, in kleinen Kapitelchen, dann wird sie hier fündig. Differenzierter denkende Blickerinnen mögen sich anderweitig lesend schauend vergnügen.

Ingeborg Boxhammer
Jahrgang 1962, beschäftigt sich seit rund 30 Jahren mit Filmgeschichte im Allgemeinen und lesbischen Filmen im Besonderen. Seit 1992 pflegt die IT-Expertin eine eigene internationale Lesbenfilmdatenbank und administriert das Online-Projekt lesbengeschichte.de

MäzenaVerlag
Verlag, bei dem Autorinnen, Leserinnen und vor allem Mäzenas entscheiden, ob ein Text gedruckt wird.
maezena.de

Ingeborg Boxhammer: Das Begehren im Blick
Ingeborg Boxhammer
Das Begehren im Blick

Streifzüge durch 100 Jahre Lesbenfilmgeschichte

MäzenaVerlag, 2007
320 Seiten, broschiert
€ 26,95
ISBN: 978-3-939650-00-3

Buch bestellen


WEITERFÜHRENDE LITERATUR:

Samanta Maria Schmidt: Lesbenlust und Kinoliebe, Verlag Hoffmann & Hoyer 2005
Bernold, Monika/Braidt, Andrea B./Preschl, Claudia (Hg.innen): Screenwise. Film. Fernsehen. Feminismus, Schüren Verlag 2004



Du kannst ...  ...diesen Artikel ausdrucken  ...diesen Artikel an eine Freundin senden   ...diesen Artikel mit einem Lesezeichen versehen

Kommentare unserer Leserinnen...*

Du kannst ...: einen Kommentar schreiben

Es gibt noch keine Leserinnenmeinung zu diesem Artikel.

* Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasserinnen verantwortlich.

Wolfsmutter.com: nach oben