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DIE MUTTER IN MIR© Birgit Bigga (10.09.07)
Wie Töchter sich mit ihrer Mutter versöhnen
Die Soziologin Marianne Krüll hält seit 1997 Mütter-Töchter-Seminare ab, in denen die häufig problematischen Mutter-Tochter-Beziehungen beleuchtet werden. 24 Geschichten hat sie für dieses Buch ausgewählt, um einen Weg zur Versöhnung zu finden.
ine persönliche Anmerkung zu Beginn: Dieses Buch erzählt berührende und persönliche Geschichten zu einem Thema, das sehr intim ist und auch keine Frau kalt lässt. Über dieses Buch eine Rezension im eigentlichen Sinne zu schreiben, finde ich als schlicht unmöglich, daher tue ich es gar nicht. Was ich nachfolgend versuchen möchte, ist, das Buch vorzustellen und Lust darauf zu machen, sich der eigenen Mutter-Tochter-Beziehung mittels "fremder" Geschichten anzunähern.
"Während eines Vortrages über das Mütter-Töchter-Thema habe ich einmal den etwa fünfzig Zuhörerinnen drei Fragen gestellt: Die erste lautete: Welche von Ihnen kann sagen: Ich bin froh und glücklich mit meiner Mutter? Es meldeten sich ungefähr zehn oder zwölf Frauen. Die zweite Frage war: Welche kann sagen: Ich bin glücklich, ihr ähnlich zu sein, und bemühe mich, in ihre Fußstapfen (Beruf, Partnerschaft, Lebensplanung, usw.) zu treten? Nun hob sich nur mehr eine Hand. Auf die dritte Frage: Welche möchte eine Mutter werden oder sein wie die eigene Mutter?, blieben alle Hände unten." (S. 9)
Mit diesem Zitat beginnt die Einleitung zu einem sehr berührenden Buch. Aber schon dieser kurze Absatz machte auch mich irgendwie betroffen - wie hätte ich geantwortet? Was geschieht hier, warum ist das so? Sind Töchter so undankbar, kritisch, unzufrieden - um dasselbe dann wieder von ihren Töchtern zu erfahren? Dieses Buch führt diejenige, die sich darauf einlassen will, auf eine spannende Reise zu einem Thema, das alle von uns betrifft, belastet und/oder berührt. Fast alle Töchter fühlen sich entweder überbehütet oder nie losgelassen oder ungeliebt und vernachlässigt oder abgewertet. "So wie meine Mutter will ich auf gar keinen Fall werden", war und ist auch das Credo meines Lebens. Wieso scheinen (fast) alle Mütter dieser Welt, die Töchter haben, so jämmerlich zu versagen? Egal wie alt wir auch werden, in Bezug auf die Mutter sind und bleiben wir das Kind. Und auch alle Vorwürfe und Unzulänglichkeiten, die wir formulieren oder fühlen, sind die eines Kindes. Auch wenn wir intellektuell und sachlich verstehen, dass dies oder jenes so war weil ...
Es geht natürlich um die reale Muttergestalt, aber auch um die "Mutter in mir", die ganz anders aussehen kann, auch bei Schwestern (die Autorin und ihre Schwester haben dies selbst erlebt). Und dieses Konzept der "inneren Mutter" macht auch klar, warum es für uns Töchter so wichtig ist, sich mit "der Mutter" in irgendeiner Form auszusöhnen, abzugrenzen (aber nicht auszugrenzen): denn sonst ist ständig ein wichtiger Teil von uns selbst abgelehnt. Trägt die "Mutter in mir" vorwiegend negative Züge (auf Grund von erfahrenem Leid aus der Kindheit), sind wir uns selbst Feindin. Bei den Seminaren, bei denen die Geschichten dieses Buches entstanden sind, aber auch beim Lesen desselben, geschieht zweierlei. Erstens beginnt frau die eigene Mutter ein wenig mit den Augen der anderen zu sehen und stellt fest, dass sie ja doch so schlecht nicht war und dass es anderen Frauen auch so oder noch schlechter geht. Das zweite, das geschieht, halte ich für sehr genial: Mit der Methode des Rollentausches wechselt jede Teilnehmerin in die Rolle ihrer Mutter und erzählt deren Geschichte in der Ich-Form (soweit möglich und durch Mutmaßungen ergänzt), als Weg zur Versöhnung.
"Die Wirkung war frappierend. [...] Es gab erstaunliche Phänomene: Frauen, die als Töchter sprudelnd über ihre Mutter geredet hatten, verschlug es plötzlich die Sprache, als sie in der Rolle ihrer Mutter in der Ich-Form redeten. [...] Es geschah auch, dass die Tochter plötzlich ein Geheimnis aussprechen konnte, das für ihre Mutter ein Tabu gewesen war." (S. 12 f.)
Die Geschichten sind aus 150 "Fallbeispielen" ausgewählt, die alle zwischen 2003 und 2006 erzählt wurden. Die Auswahl ist sehr interessant, denn die Autorin hat die Geschichten in drei Altersgruppen gegliedert; die ältesten Mütter sind zwischen 1898 und 1920 geboren und haben schon den ersten Weltkrieg als Kinder miterlebt. In der zweiten Gruppe befinden sich Frauen der Jahrgänge 1921 bis 1930, die in der frühen Nachkriegszeit Mütter wurden. In der dritten Altersgruppe wurden Frauen zusammengefasst, die nach 1931 geboren worden sind, also in den "Wirtschaftswunderjahren" ihre Familien gründeten und direkt oder indirekt auch von der Frauenbewegung beeinflusst wurden. Es gibt auch zwei Mütter-Töchter-Paare, die beide jeweils ihre Muttergeschichte bearbeiten und erzählen.
Die Kernfrage, die auch in den geschilderten Diskussionsrunden immer wieder aufkommt ist, warum es so schwer ist, mit unserer Mutter von Frau zu Frau ins Gespräch zu kommen - ins richtige, tiefgehende Gespräch nämlich. Anklagen und Vorwürfe längst vergangener Ereignisse, schwerer und banaler, stehen im Vordergrund und belasten die Beziehung und uns selbst, verschwenden unsere Energien. Die Antwort findet die Autorin in der gefährlichen Falle des Mythos der perfekten, idealen Mutter. Jede von uns weiß, dass es so etwas nicht gibt, nicht geben kann - und trotzdem: das innere phantasierte Bild, dem wir unbewusst folgen, kann schon beinahe als allumfassender Archetypus bezeichnet werden. Und dieser macht Mütter allein und individuell und absolut verantwortlich für das Wohlergehen ihrer Kinder; alles andere bleibt (unbewusst) ausgeblendet. Der Mythos lässt Entschuldigungen nicht gelten. Sollte jedoch eine Mutter "versagen" und "ausrasten" (im Sinne von durchdrehen), weil aus verschiedensten Gründen alles zuviel wird, ist sie eine "unnormale" Mutter und gehört in psychiatrische - männliche - Hände; es ist erschreckend, wie weit verbreitet die gesellschaftliche Mütterschelte ist.
"In unserer männerzentrierten Gesellschaft dient also der Mythos Mutter letztlich dem Erhalt der Macht über die "Ressource Frau". (S. 320)
Die Zusammenhänge, wieso es soweit kommen konnte, werden aufschlussreich dargelegt und - wichtiger - belegt und auch die Auswirkungen. Ist das (traurige) Fazit nun, dass Frauen, die auf keinen Fall so sein wollen, wie ihre Mutter (wir erinnern uns an den Anfang - das wollte keine und ich selbst auch nicht) auf diese Weise der Vorherrschaft der Männer Vorschub leisten? Die bittere Erkenntnis der Autorin, dass wir Frauen nicht die Macht haben, die männerzentrierte Gesellschaft grundlegend ändern zu können, zielt darauf, dass die frühen feministischen Visionen als gescheitert zu betrachten sind. Doch mit (neuer) Bündelung all unserer weiblichen Kräfte können neue Perspektiven und Ansätze gefunden werden um sich nicht weiter vor den Karren der destruktiven frauen- und mütterfeindlichen Mythen spannen zu lassen und diese in all ihren subtilen und versteckten Formen zu entlarven, zu erkennen und zu vermeiden lernen. In der Reflexion der Rolle und der Person der Mutter (und auch - am Rande - des Vaters) und in Betrachtung der eigenen Rolle als Tochter und wieder oft als Mutter wird der Faden weitergesponnen, kann Versöhnung und somit Heilung unserer selbst (und damit auch unserer Gesellschaft) stattfinden.
"Und schließlich darf zum Abschluß ein hoffnungsvoller Ausblick in die Zukunft nicht fehlen. Denn in Verbundenheit mit unseren Müttern und Vormüttern sind wir Frauen gemeinsam stark." (S. 290)
 Marianne Krüll Die Mutter in mir Wie Töchter sich mit ihrer Mutter versöhnen
Klett-Cotta Verlag, 2007 354 Seiten, broschiert €D 19,50 / €A 20,10 / sFr 34,80 ISBN: 978-3-608-94474-7
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DIE AUTORIN:
Drin. Marianne Krüll war Akademische Rätin am Seminar für Soziologie der Universität Bonn, ist Schriftstellerin, engagierte Feministin und Mutter von zwei Töchtern und Großmutter. Zahlreiche Buchpublikationen, darunter: Käthe, meine Mutter, “Im Netz der Zauberer - Eine andere Geschichte der Familie Mann”, “Freud und sein Vater”. www.mariannekruell.de
Kommentare unserer Leserinnen...* Du kannst ...:   Die Mutter in mir

Birgit Bigga
12.09.07 00:18
Wie Töchter sich mit ihrer Mutter versöhnen
Die Soziologin Marianne Krüll hält seit 1997 Mütter-Töchter-Seminare ab, in denen die häufig problematischen Mutter-Tochter-Beziehungen beleuchtet werden. 24 Geschichten hat sie für dieses Buch ausgewählt, um einen Weg zur Versöhnung zu finden. dieser Kommentar wurde automatisch erstellt, damit Forenbesucherinnen zum Artikel finden und den Zusammenhang verstehen
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 Re: Die Mutter in mir

RoterRubin
12.09.07 00:25
Das Buch klingt äußerst spannend!
Ein Satz dieser Rezension ist mir aber unverständlich:
"Die bittere Erkenntnis der Autorin, dass wir Frauen nicht die Macht haben, die männerzentrierte Gesellschaft grundlegend ändern zu können, zielt darauf, dass die frühen feministischen Visionen als gescheitert zu betrachten sind.
Welche frühen feministischen Visionen sind gescheitert?
Und warum sollten Frauen nicht die Macht haben diese Gesellschaft zu ändern?
Natürlich haben wir Frauen die Macht.
lg
RoterRubin
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 Re: Die Mutter in mir

Gästin
13.09.07 10:03
Diese Gesellschaft zu ändern, diese Macht haben wir nur gemeinsam. Die Frauen am Anfang der Frauenbewegung glaubten, sie könnten Veränderungen ohne die Männer, oder sogar gegen ihren Widerstand durchsetzen. Sicher hat sich viel verändert. Aber alles was sich geändert hat, ist sowohl von Frauen als von Männern so verändert oder zumindest akzeptiert worden. Die Frauen hätten nie das Wahlrecht erlangen können, wenn die Männer es nicht anerkannt hätten. Diese Wahrheit ist bitter. Zu gerne spielen Frauen sich als die besseren Menschen auf, wenn sie erkennen, wie abhängig die Männer doch von Frauen sind - und leugnen, das sie selbst ebenso abhängig sind. Nein, nicht finanziell, nicht materiell, nicht als Hausfrau, nein. Schiebt den Kladderradatsch mal zur Seite. Es ist ganz simpel, wie mit Ying und Yang: das eine kann nicht sein ohne das andere. Männer und Frauen stehen miteinander in Beziehung, weil sie alle nur Menschen sind. Vielleicht würde es klarer, wenn wir nur ein Geschlecht hätten, dann würde uns klar dass wir aufgrund unserer Menschlichkeit voneinander abhängig sind.
Diese Versöhnung mit der Mutter ist eben deswegen so schwer, wir stehen in Beziehung, in Abhängigkeit, von ihr, und sie genauso mit uns. Oft gelingt diese Versöhnung erst, wenn die Mutter nicht mehr lebt, weil die Mutter dann keinen Widerstand entgegensetzen kann. Denn damit ich mich mit meiner Mutter versöhnen kann, muss meine Mutter sich ebenso mit mir versöhnen. Schrittchen für Schrittchen nähern wir uns einandern an. Klar muss eine den ersten Schritt machen. Aber den zweiten kann sie erst machen, wenn die andere ebenfalls einen ersten Schritt gemacht hat. Es ist ein gegenseitiges Aufeinanderzugehen. Versöhnung kann niemals einseitig stattfinden.
Es liegt nicht nur in meiner Macht, ob ich mich mit jemandem versöhne, es liegt genauso in der Macht des anderen. Das einzusehen, das tut schon weh. Macht habe ich nur über mich selbst, und auch die muss ich mir in unserer Gesellschaft erst erkämpfen und von Vorgesetzten, Politikern, Ehemännern, Besserwissern und anderen Gutmenschen zurückholen, die an meiner Statt über mich bestimmen wollen. Um nun gar die Gesellschaft zu ändern, muss jede einzelne dieser Gesellschaft zur Änderung bereit sein. Diese Macht habe ich nicht, es sei denn, ich will eine Diktatur durch meine Diktatur ersetzen.
Unsere Eigenmacht erkennen und unsere Illusion, Macht über andere zu haben, aufgeben.
Es grüßt
Eine Undine
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 Re: Die Mutter in mir

RoterRubin
14.09.07 14:10
Also wenn ich mir vorstelle, dass alle Frauen in den Gebärstreik treten, sich entscheiden, lesbisch zu leben, jegliche Unterstützung für Männer einstellen und dabei klar und deutlich ihre Forderungen kundtun, dann stünde diese männerzentrierte Gesellschaft ganz schön Kopf.
Ich lebe ausschließlich frauenbezogen und sehe überhaupt keinen Grund das zu ändern.
Wir müssen wissen, was wir wollen und was unsere Visionen sind. Wenn wir wollen, dass die Männergewalt gegen Frauen, Kinder, Tiere und die Natur aufhört, dann müssen wir auch dementsprechend handeln und dem allen Widerstand und eine Alternative entgegensetzen.
Ob eine (anarcha)feministische Frauenkultur oder ein Matriarchat die Lösung aller Probleme ist, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass es allen Geschlechtern in frauenzentrierten Kulturen besser geht. Und ich weiß, dass Frauenkultur Frauen stärkt und dass sie nicht durch Männer entsteht, sondern einzig durch Frauen.
lg
RoterRubin
P.S.: Frauenorte werden im übrigen von einem Großteil der Männer und Transgender Personen bis heute nicht akzeptiert.
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