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DAS GEHEIMNIS DER MENSTRUATION© Birgit Bigga (18.11.07)
Kraft und Weisheit des Mondzyklus
Philosophie, Wissenschaft, Kirche und Medizin haben ein negatives Bild von der Menstruation geprägt und vermittelt. Gabriele Pröll wirkt mit ihrem Buch diesem Bild entgegen.
ie Blutung einer Frau wurde lange Zeit als etwas Unreines und Krankhaftes angesehen. Philosophie, Wissenschaft, Kirche und Medizin haben ein negatives Bild von der Menstruation geprägt und vermittelt. Viele Frauen haben diese Einstellung bis heute unbewusst übernommen und verinnerlicht. Basierend auf ihren eigenen diesbezüglichen Erfahrungen und wissenschaftlichen Herleitungen hat die Erziehungswissenschafterin Gabriele Pröll dem Phänomen Menstruation einen neuen (den alten) Stellenwert verliehen, den die heutigen Frauen und Mädchen in ihr Selbstbild einbinden können, um sich auf diese Weise wieder mit der eigenen ursprünglichen Kraft der Menstruation zu verbinden.
Anfangs möchte ich die pädagogische Konstruktion des Buches hervorheben - denn in jedem Kapitel finden sich Hervorhebungskästchen “Gut zu wissen”, was natürlich besonders einprägsam ist und ebenso befinden sich bei fast jedem Kapitel grau unterlegte Angebote “Das können Sie tun” mit Anregungen zur Reflexion, Meditation, zum Ausprobieren und Tricks oder einfach nur zum Nachdenken; nimmst Du eines dieser Angebote an, wirst Du auf jeden Fall den einen oder anderen Augenöffner erfahren können.
Die negative Verbindung von Menstruation, “tabu” und “unrein” war nicht immer so. Bis ein paar Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung hatte sie sogar einen sehr hohen Stellenwert, der sich in Göttinnen- und Fruchtbarkeitskulten widerspiegelte; sogar im Schöpfungsmythos im ersten Buch Mose der Genesis entstand das Leben aus einem Ei der Göttin. In den ersten Kapiteln widmet sich Gabriele Pröll den weiblichen Weisheiten in Entsprechung der Göttinnen Athene, Isis, Schechina, Sophia und der dreifaltigen Göttin. Während die ersten vier leider etwas kurz behandelt werden, ist der Teil, der von der dreifaltigen Göttin erzählt, immens wichtig, weil heute kaum mehr jemandem bewusst ist, dass die christliche Dreifaltigkeit nicht aus dem Christentum kommt, sondern aus dem alten Kult der dreifaltigen Göttin entstand. Hier wurde bestehende Weiblichkeit gnadenlos entmachtet und von Männern übernommen. Basierend auf den weiblichen Göttinnen führt die Autorin hin zur althergebrachten Verehrung der Gebärmutter, der Vulva und des Blutes selbst, erzählt von dessen Spiritualität und Magie, die sie über Jahrtausende innehatten. Natürlich werden auch die medizinischen Grundlagen behandelt, aber auch die offensichtlichen Zusammenhänge der Menstruation mit dem Mondzyklus, deren sprachliche Wurzeln nicht zufällig gemeinsam sind.
Im Kapitel des “Aufstiegs und Niedergangs der weiblichen Kultur” spannt die Autorin einen Bogen von den Anfängen der Zivilisation, in der das Mutterrecht herrschte, bis zum “Sturz der Frau” durch das Patriarchat und ihre unterdrückte Stellung im sich entwickelnden Christentum. Warum sich dieser Wandel vollzog, wird leider nicht angesprochen, sehr wohl aber die Auswirkungen auf den Umgang mit Menstruation als Sinnbild der Frau - mit dem traurigen Tiefpunkt, gesetzt durch Plinius im Jahre 65 nach Christus, der festlegte, dass das Menstruationsblut giftig sei und sonstige Unheil bringende Wirkungen habe - eine Denke, die sich bis heute (meist unbewusst) erhalten hat. Natur und Körper wurden der Frau zugeordnet und abgewertet, der kraftvolle weibliche Körper Schritt für Schritt über Jahrhunderte unter Kontrolle der Männer gebracht und von ihnen systematisch pathologisiert. Pröll sieht die Wende dieser absurden Teufelsspirale um 1920, als die medizinischen Zusammenhänge der Hormone entdeckt wurden und später eine (gewisse) Befreiung durch die “Pille” erfolgte. (Anmerkung der Rezensentin: Meiner Meinung nach - und ich habe das auch in eigener wissenschaftlicher Forschung erfasst - ist die Situation der Frauen (allgemein, in Bezug auf Körperlichkeit und Menstruation, weibliche Kraft) im Status quo noch nicht so positiv zu beurteilen, wie das Gabriele Pröll tut. Aber der Weg geht in diese Richtung, der Göttin sei Dank).
Die nächsten Kapitel widmet die Autorin der “Kraft hinter den Menstruationsbeschwerden”, die sie definiert und den möglichen Gründen nachspürt. Sehr lobend hervorzuheben ist, dass sie hier eine deutliche Unterscheidung macht in Bezug auf Gesundheit/Krankheit aus schulmedizinischer Sicht und aus weiblicher Sicht und wie divergent diese beiden Systeme noch sind (dies belegt auch meine persönliche Anmerkung oben). Sie zeigt danach auch Wege, alte Wunden zu heilen und bietet ein breit gefächertes Spektrum an sanfter Hilfe aus dem Bereich der alternativen Heilmethoden (zum Beispiel Homöopathie, Bachblüten, Akupressur - wobei diese Bereiche nur genannt werden, ohne hier ins Detail zu gehen), Heilkräuter sind etwas spezifischer ausgeführt, sehr detailliert und sicher für jede etwas dabei sind weitere Hilfsmittel in Form von Atemübungen, Entspannungsübungen, (Farb-)Meditationen etc.
Nach diesen eher sachorientierten Themen widmet sich Gabriele Pröll der Entdeckung der eigenen Urkraft, dem Weg zu den inneren Quellen - es geht also nun in den spirituellen Bereich. Sie erläutert die Kraft der Riten und gibt schöne Beispiele für alte, aber auch zeitgemäße Passageriten beziehungsweise Initiationsrituale aber auch für einfache Rituale für den “täglichen Gebrauch”, die für - meine ich - jede Frau von Nutzen sein können, um sich ihrer ureigenen Kraft und Energie wieder bewusst zu machen. Eine weitere Betrachtung ist auch den Männern und Menstruation gewidmet, mittels eines Blicks auf Initiationsriten ursprünglicher Kulturen. Fakt ist, dass ein Großteil der Männer auch heute noch auf das Thema Menstruation negativ oder vorwiegend negativ reagiert.
“Untersuchungen zufolge empfinden 49 Prozent der Männer die Menstruation gering, 36 Prozent mäßig und 15 Prozent stark negativ.” (Seite 227)
Ist es da ein Wunder, dass Männer sich irgendwie bedroht fühlen oder zumindest nicht wissen, wie sie mit menstruierenden Frauen umgehen sollen (vielfach wissen das die Frauen selbst nicht so recht)? Die alten Tabus spiegeln sich am Deutlichsten in der gängigen Werbung wider, die “Reinheit”, “Sauberkeit”, “Geruchlosigkeit” und “diskrete Frische” suggeriert. Pröll zeichnet die Geschichte der “Monatshygiene” und zeigt auch interessante Alternativen, die sicher für die eine oder andere ausprobierenswert sind.
“Wenn das Tabu Menstruation erst einmal durchbrochen wird, bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Dann muss das Wertesystem der westlichen Welt ganz neu überdacht werden.” (Seite 259)
Für jene, die sich darauf einlassen: auf jeden Fall das eigene Wertesystem. Eine spannende Reise zu sich selbst!
ÜBER DIE AUTORIN:
Maga. Gabriele Pröll 1959 in Oberösterreich geboren, lebt seit über 20 Jahren in Wien. Begann im Rahmen ihres Studiums der Erziehungswissenschaften ihre Forschungen zu Weiblichkeit, Zyklus und Menstruation. Weiters beschäftigt sie sich mit intuitiver Wahrnehmung, Ritual-und Symbolarbeit. Sie arbeitet als Dipl. Trainerin für Wirtschafts- und Sozialkompetenz, Lebens- und Sozialberaterin, Beraterin zur Selbstheilung nach Methode Wildwuchs und Gesundes Coaching. Mehr: www.besthelp.at/proell
 Gabriele Pröll Das Geheimnis der Menstruation Kraft und Weisheit des Mondzyklus
Goldmann Verlag, 2003 288 Seiten, broschiert €D 7,95 / €A 8,20 / sFr 14,70 ISBN: 3-442-21676-1
Buch bestellen (direkt bei der Autorin)
WEITERFÜHRENDES:
Artikel Die Mens-truation und der Mond von Gabriele Pröll Natürliche Hygieneartikel - Wie? Was? Warum? von Anja Waldmann
Bücher Dagmar Margotsdotter-Fricke: Mens-truation. Von der Ohnmacht zur Macht, Christel Göttert Verlag, 2004 Jutta Voss: Das Schwarzmondtabu. Die kulturelle Bedeutung des weiblichen Zyklus, Kreuz Verlag, Neuauflage 2006 Luisa Francia: Drachenzeit. Die verborgene Kraft der Menstruation, Verlag Frauenoffensive, München 1987
Links www.kulmine.de www.menstruationshuette.at www.mum.org www.rotermond.de
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