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LIDIA BECCARIA ROLFI: ZURüCKKEHREN ALS FREMDE© Daniela Brunner (28.05.08)
Von Ravensbrück nach Italien: 1945-1948
Lidia Beccaria Rolfi beschreibt ihre Heimkehr nach Verlassen des Konzentrationslagers Ravensbrück 1945. Als Zeugin einer unbequemen Wahrheit erfährt sie Unverständnis und Diskriminierung von einer Gesellschaft, die immer noch in faschistischen Strukturen verhaftet ist.
n dem vorliegenden Buch beschreibt die Italienerin Lidia Beccaria Rolfi die Ereignisse während ihrer monatelangen Heimkehr aus deutscher KZ-Haft, die sie hauptsächlich von einem Lager für Displaced Persons zum nächsten führt, bis sie schließlich am 1. September 1945 daheim ankommt.
Als Frau in einer patriarchalen Gesellschaft mit teils feudalen Strukturen aufgewachsen, bedeutet es für die Grundschullehrerin Lidia Rolfi einen doppelten Bruch, sich als staffetta (Frauen der Resistenza zuständig für Nachrichtenübermittlung, Beschaffung von Verpflegung, Waffen, Geld, etc.) dem antifaschistischen Widerstand der PartisanInnen anzuschließen. Am 13. April 1944 wird die Autorin von der faschistischen Miliz verhaftet und der Gestapo übergeben. Als eine der ersten politisch verfolgten Italienerinnen wird Lidia Rolfi nach Deutschland in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Ihre Erinnerungen an die Zeit im KZ beschrieb sie 1978 in Le donne di Ravensbrück (Lidia Beccaria Rolfi, Anna Maria Bruzzone: Le donne di Ravensbrück. Testimonianze di deportate politiche italiane. Turin 1978).
Ravensbrück nördlich von Berlin war von 1939 bis 1945 das größte KZ für Frauen, dorthin wurden mehr als 130.000 Frauen aus über 40 Nationen deportiert. Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie verrichten, SS-Ärzte nahmen medizinische Experimente an den Gefangenen vor.
Im April 1945 wurden die Insassen des KZs von der SS Richtung Westen getrieben, weg von der sich nähernden Front. Hier beginnt Rolfis Schilderung, denn auch sie befindet sich unter den Gefangenen des Todesmarsches, im Chaos gelingt es ihr, sich abzusetzen. Ab diesem Zeitpunkt durchläuft sie eine Reihe an Lagern für Displaced Persons (von den Alliierten am Ende des Zweiten Weltkrieges aus Konzentrationslagern oder Zwangsarbeit befreite Personen), immer in Erwartung ihrer baldigen Repatriierung. Doch Rolfi und ihre italienischen Landsleute müssen die bittere Erfahrung machen, dass sie quasi vergessen worden sind, es gibt keine Pläne zu ihrer Repatriierung, die Alliierten sehen in allen ItalienerInnen, egal ob sie PartisanInnen, SoldatInnen oder freiwillige Fremdarbeiter gewesen sind, Verbündete Deutschlands und behandeln sie dementsprechend. So kehrt Lidia Rolfi erst fünf Monate nach ihrer Befreiung in einem Viehwaggon in ihre Heimat Italien zurück. Als Zeugin einer unbequemen Wahrheit, die sie vor dem Vergessenwerden bewahren will, erfährt sie bestenfalls Unverständnis und Desinteresse bis hin zur Diskriminierung durch die Relikte der faschistischen Diktatur. Der Kampf um Anerkennung ihres Status als KZ-Häftling und erst recht die Tatsache, dass sich eine Frau zu politischen Dingen äußerte, erweckte in der postfaschistischen italienischen Gesellschaft Misstrauen und Feindseligkeit.
In nüchternen Schilderungen beschreibt Lidia Rolfi ihre lange Heimkehr, die auch nach ihrer Ankunft in Italien noch nicht abgeschlossen scheint. Da die Autorin sehr stark auf die alltäglichen patriarchalen Normen und Unterdrückungsmechanismen eingeht, ist das vorliegende Buch nicht nur für historisch Interessierte äußerst empfehlenswert. Zudem erläutern ausführliche Fußnoten Begriffe und historische Ereignisse, so dass auch LeserInnen wie ich, die sich vielleicht noch nicht ausführlich mit der Geschichte des italienischen Faschismus auseinandergesetzt haben, einen guten Überblick über die damalige Situation bekommen.
Zurückkehren als Fremde ist eine der wenigen Schilderungen der Situation von ehemaligen KZ-Häftlingen in den Nachkriegsjahren, die Thematisierung der Kontinuität faschistoider Strukturen und der patriarchalen Strukturen der italienischen (ländlichen) Gesellschaft ist äußerst interessant, in einer einfachen, gut lesbaren Sprache geschrieben und wärmstens zu empfehlen. Bedauerlich, dass Lidia Rolfis Erstlingswerk Le donne di Ravensbrück, in dem sie ihre Zeit im KZ schildert, noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Bleibt zu hoffen, dass die Übersetzerinnen/Herausgeberinnen des hier besprochenen Buches das auch in Angriff nehmen.
 Lidia Beccaria Rolfi Zurückkehren als Fremde Von Ravensbrück nach Italien: 1945-1948
Metropol Verlag, 2008 207 Seiten, broschiert €D 17,00 / €A 17,50 / sFr 30,90 ISBN: 978-3-938690-67-3
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