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MAGAZIN

HEIDE HAMMER: REVOLUTIONIERUNG DES ALLTAGS

© Christine Klapeer (25.06.08)


Politik & Gesellschaft

Auf der Spur kollektiver Widerstandspraktiken

Christine Klapeer begab sich auf die Suche nach der Subversion in der intellektuellen Dichte von Heide Hammers philosophischem Buch “Revolutionierung des Alltags”.



Heide Hammer: Revolutionierung des Alltags

Im Rahmen eines kritischen Nebeneinanders von Poststrukturalismus und Kritischer Theorie analysiert die Philosophin Heide Hammer Machtregime und Subjektivierungsprozesse als brüchige Kontexte von Widerstandsformen und vergegenwärtigt jene Widerstandserfahrungen, die sich parodistischer Ver-Uneindeutigungspraxen bedienen und ohne Rekurs auf ein “revolutionäres” und eindeutiges “Subjekt” auskommen.

s gibt durch und durch nur Differenzen und Spuren von Spuren.” Dieses Zitat von Jacques Derrida, Begründer der “Strategie” (Anna Babka) der Dekonstruktion, scheint wohl am besten geeignet zu sein, um eine Rezension über Heide Hammers neu erschienenes Werk “Revolutionierung des Alltags” zu beginnen, wo sie sich eben auf die “Spur kollektiver Widerstandspraktiken” begibt. Eben diese Spur bleibt beim Lesen ihres Werkes (vielleicht beabsichtigterweise?) eine Spur der Differenz und Uneindeutigkeit und die Leserin schwimmt in einem fluiden Raum voller intellektueller Dichte, in dem nur selten der sprichwörtliche rote Faden aufblitzt. Aber der rote Faden steht als epistemische Gewalt vielleicht im Widerspruch mit einer rhizomatischen Praxis und Herangehensweise, wie sie Heide Hammer ihrem Werk und ihrer poststrukturalistisch und aus der kritischen Theorie inspirierten Analyse von Widerstand zugrunde legt. Insofern kann dieses Schwimmen vielleicht nicht als Kritik, sondern als Erfüllung des theoretischen Anspruches der Autorin gesehen werden, will sie sich doch rigider Eindeutigkeit und Positionierung entziehen und damit kollektiven Subjektpositionen zur Präsenz(en) verhelfen.

Für eine neugierige und hingebungsvolle Leserin, die tatsächlich an einer Auseinandersetzung mit (neuer) linker Kritik, Praxis und Widerstandsformen interessiert ist und Anleihen von Kommunkationsguerilleros eigentlich gerne zum besseren Verständnis von Machtregimen entgegennehmen möchte, entpuppt sich das Theoriegeflecht aus postrukturalistischen “Star-Kombattanten” (wie Gilles Deleuze, Félix Guatterie, Michel Foucault), feministischen Ontologiekritikerinnen (wie Donna Haraway und Judith Butler) und (neo-)marxistischen Denkern (wie Louis Althusser) jedoch als zermürbendes Erlebnis. Eifriges Studieren offenbart dabei zwar die hervorragende und diffizile Analyse, die Hammer durch ihr neuerliches Re-Reading von unter anderem Foucaults Macht- und Subjektkritik, Louis Althussers Entwurf einer materialistische Subjektkonstitution und Judith Butlers Heteronormativitätskritiken vorlegt, aber eine lustvolles Erkenntnisgefühl kommt dabei nicht auf. Dabei ist die (Wieder-)Aneignung lustvoller Subversionspraxen gerade ein wichtiger Punkt, den Heide Hammer als Kern und Motivation politischer Widerstandspraxen betont.

Lust setzt Hammer dabei in den Kontext einer Verweigerung von Eindeutigkeit und einem Plädoyer für einen vielstimmigen, unabgeschlossenen und mikropolitischen Aktivismus, der nicht mehr auf kohärente Identitäten, Repräsentation und einer monochromen Stimme rekurriert. Hammer bringt ihre theoretischen Analysen dabei im letzten Kapitel ihres Buches in Zusammenhang mit unterschiedlichen, ihrer Meinung nach gelungenen, kollektiven Widerstandserfahrungen (Mai 1968 in Frankreich, die Bewegung der Autonomia und der Neuen Linken, die Diskursguerilla der ELZN oder Ereignisse und Aktionsformen um die Proteste in Genua im Juli 2001) und versucht dabei “(An)Trieb” und Motivationen politischen Handels zu entdecken. Die zentrale Frage, die sie dabei beschäftigt: Wie kann diese Lust an kollektiven Widerstandspraktiken vergegenwärtigt werden?

Die Publikation der Philosophin, Journalistin und unter anderem in der Wiener “Linken” Szene verortete “Fragensammlerin” Heide Hammer ist anspruchsvoll, spannend und die weit verbreitete Kritik an postmoderner Philosophie als metatheoretisches Projekt ohne praktische Relevanz, lässt sich nicht so ohne weiteres auf ihr Werk anwenden. Zwar braucht es, um die subversiven Leckerbissen in der intellektuellen Dichte dieses Buches wirklich zu finden, eine großzügige Vor-Konsumation an politischen und philosophischen Theorien des 20. und 21. Jahrhundert, danach erweisen sich jedoch Hammers spannende und vielstimmige Diskussionen als äußerst praxisbezogen und anwendbar auf die aktuelle Politik sozialer Bewegungen. “Revolutionierung des Alltags” bleibt damit ein philosophisches Buch, dass wohl mehr als intellektuelle Intervention und “akademische” Widerstandspraxis gewertet werden kann.

Heide Hammer: Revolutionierung des Alltags
Heide Hammer
Revolutionierung des Alltags

Auf der Spur kollektiver Widerstandspraktiken

Milena Verlag, Wien 2007
170 Seiten, broschiert
€ 17,90 / sFr 31,70
ISBN: 978-3-85286-155-5

Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)



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