Wolfsmutter.com - Abenteuer Feminismus
Ein Frauen-Portal zu neuen Wegen, abseits der Nebenstraßen!

MAGAZIN

»KEINE FREIHEIT OHNE GLEICHHEIT!«

© Katharina Meißnitzer (13.07.08)


Geschichte

Louise Michel (1830 oder 1833 - 1905)

Geliebt, gehasst, vergessen - die französische Anarchistin, Schriftstellerin und libertäre Pädagogin Louise Michel lebt in dieser Biographie wieder auf. Ein widerständiges Leben im 19. Jahrhundert, bestürzend aktuell.



Michaela Kilian: “Keine Freiheit ohne Gleichheit”

er Name Louise Michel ist untrennbar mit den Ereignissen der Pariser Commune von 1871 verbunden.[1] Louise Michel ist heute, wenn überhaupt, dann als Barrikadenkämpferin in Uniform bekannt. Die Tatsache, dass sie “als Frau” bewaffnete Auseinandersetzungen nicht nur befürwortete, sondern auch persönlich daran teilnahm, steht im Vordergrund der biographischen Betrachtung. Sie war nicht nur eine Vordenkerin und kritische Beobachterin ihrer Zeit, sondern Aktivistin auf verschiedenen Ebenen. Als brilliante Rednerin und Anführende in den Zeiten der Revolution, war sie auch bereit zu sterben und zu töten. Ihr konsequent rebellisches Verhalten polarisierte das zeitgenössische Umfeld, Verehrung und Hass schlugen ihr gleichermaßen stark entgegen. Von der einen Seite zur Ikone der Revolution stilisiert, wurde sie von der anderen Seite diffamiert und verfolgt. Ihr Bild oszilliert seit ehedem zwischen politischer Identifikationsfigur á la Jeanne d'Arc - oder dämonisierter Anzünderin des Aufstandes - als “La Pétroleuse”.

Die Autorin Michaela Kilian geht von der Eingangsfrage aus, ob Louise Michel eine Terroristin war, um anschließend ihren Lebensweg verknüpft mit der politischen Geschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert, zu erzählen. Das Leben einer Revolutionärin war kein leichtes: Jahre der Gefangenschaft, Isolationshaft, eine fast zehn Jahre andauernde Verbannung, ein Schußattentat und permanente Armut, waren die Kehrseiten ihrer Mission. Der Werdegang dieser außergewöhnlichen Frau verlief in folgenden Stationen:

Als uneheliches Kind einer Hausangestellten geboren wuchs sie wie ein legitimes Enkelkind im verfallenden Landschloß der Großeltern auf. Ihre Kindheit in der Provinz beschreibt sie als glücklich und frei, geprägt von den Idealen des republikanisch gesinnten Großvaters. Die Beziehung zu ihrer Mutter blieb zeitlebens sehr innig. Entschlossenheit zeigte Louise bereits als Zwölfjährige, als potentielle Heiratskandidaten von ihr, mit der Billigung des Großvaters, weggeschickt wurden. Eine Versorgungsheirat war somit ausgeschlossen. Louise Michel entschied sich für den Lehrerinnenberuf. Da sie sich weigerte den Schwur auf das Kaiserreich abzulegen, war es nicht möglich in einer staatlichen Schule zu arbeiten. Deshalb gründete sie mehrfach private Schulen beziehungsweise arbeitete in solchen. In der damals üblichen “Mädchenerziehung”, die darauf aus war, Mädchen zu gefügigen Ehefrauen zu formen, sah Michel ein gesellschaftliches Grundübel, weswegen sie sich für ihre Schülerinnen besonders engagierte und zudem versuchte neue Schulkonzepte zu verwirklichen. Neben ihrer pädagogischen Arbeit verfasste sie zeitlebens zahlreiche literarische Texte, Briefe, Gedichte und Theaterstücke, zeitweise unter einem männlichen Pseudonym, um die Chancen auf Veröffentlichung zu erhöhen.

Wahrscheinlich 1855 zog Louise Michel nach Paris, um dort als Hilfslehrerin zu arbeiten. Ihr politisches Engagement verstärkte sich, und führte Jahre später zur direkten Beteiligung an den Kämpfen um Paris. Die Erlebnisse in den revolutionären 70 Tagen der Pariser Commune waren ein Wendepunkt im Leben der damals etwa Vierzigjährigen. In dieser Ausnahmesituation lebte sie so richtig auf, und setzte sich voll und ganz für die gesellschaftliche Befreiung ein. Der Umbruch der kurzzeitig greifbar schien, endete mit brutaler Zerschlagung. Louise Michel entging im Gegensatz zu vielen anderen MitstreiterInnen einem Todesurteil, nicht aber der Deportation in die Strafkolonie Neukaledonien. Die monatelang andauernde Überfahrt zu den Inseln vor Australien war der Zeitpunkt als sie, wie sie selbst sagte, zur Anarchistin wurde. Veränderungen waren ihrer Meinung nach nur durch eine Demokratie “von unten” möglich, sie lehnte die Republik genauso ab wie die Monarchie. Ihren Idealen und ihrer sozialen Arbeit blieb Louise Michel auch am anderen Ende der Welt treu. In den Jahren ihrer Verbannung studierte sie Land und BewohnerInnen, lernte die Sprache, unterrichtete die dortige Bevölkerung und unterstützte solidarisch auch deren Aufstand.

Nach neun Jahren wurde sie begnadigt und kehrte daraufhin nach Frankreich zurück. Sie war erneut politisch aktiv, beteiligte sich an Protestaktionen und wurde wieder verhaftet. Im Gefängnis verfasste sie ihre Memoiren. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in London, verbrachte sie die letzten Lebensjahre in Frankreich, unermüdlich auf Vortragsreisen unterwegs. Nach 75 Jahren war das ereignisreiche Leben dieser unbeugsamen Frau zu Ende. Ihr Begräbnis begleiteten Tausende.

Die vorliegende Monographie eignet sich als Einstieg in den Kosmos Louise Michel. Die Begeisterung der Autorin Michaela Kilian, über die leider überhaupt keine Angaben zu finden sind, ist spürbar. Es bleiben allerdings viele Fragen offen, in den seitenlangen Exkursen über die politische Geschichte Frankreichs bleibt das Bild von Louise Michel stellenweise blass. Schade ist auch, dass wenig Information über ihre Beziehungen zu Frauen, über die Frauenbataillone der Pariser Commune, oder die inhaltlichen Ziele der Kommitees, die währenddessen gegründet wurden, enthalten ist. Dennoch, das Buch versucht die Vielschichtigkeit einer Person zu beleuchten. Das ist immerhin ein Anfang, um sich einer mit Bedeutung aufgeladenen und gleichzeitig historisch marginalisierten Frauenfigur aus dem 19. Jahrhundert zu nähern.

Abschließend empfehle ich noch, Louise Michels wunderschön geschriebene Memoiren zu lesen.[2] Diese sind vergriffen, deshalb eine dringende Bitte an Verlage, eine Neuauflage ist unbedingt notwendig!

Michaela Kilian: “Keine Freiheit ohne Gleichheit”
Michaela Kilian
“Keine Freiheit ohne Gleichheit!”

Louise Michel (1830 - 1905), Anarchistin, Schriftstellerin, Ethnologin, libertäre Pädagogin

Verlag Edition AV, 2008
250 Seiten, broschiert
€D 17,00 / €A 17,50 / sFr 30,90
ISBN: 978-3-936049-93-0

Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)


ANMERKUNGEN:

[1] Nach dem Ende des deutsch-französischen Krieges 18. März - 28. Mai 1871: Erhebung von Teilen der Pariser Bevölkerung, Barrikadenkämpfe. Gründung von Komitees, die die Stadt regieren sollten. (Föderatives, streng demokratisches Rätesystem, Demokratie “von unten”) Niederschlagung durch die Regierung Thiers mithilfe preußischer Truppen. Die Pariser Commune wird als legendärer Manifestationspunkt der Moderne bezeichnet.

[2] Louise Michel: Memoiren, hg. von J. Monika Walther, Verlag Frauenpolitik, Münster 1977 und 1979

WEITERFÜHRENDES:

Leben - Ideen - Kampf. Louise Michel und die Pariser Kommune von 1871, hg. von Bernd Kramer, Karin Kramer Verlag, Berlin 2001
Louise Michel. Frauen in der Revolution, Bd. 1, hg. von Renate Sami, Karin Kramer Verlag, Berlin 1976
Hans-Ulrich Grunder: Wir fordern alles. Weibliche Bildung im 19. und 20. Jahrhundert. Die Konzepte einiger anarchistischer und bürgerlicher Pädagoginnen, Trotzdem Verlag, Grafenau 1998



Du kannst ...  ...diesen Artikel ausdrucken  ...diesen Artikel an eine Freundin senden   ...diesen Artikel mit einem Lesezeichen versehen

Kommentare unserer Leserinnen...*

Du kannst ...: einen Kommentar schreiben

Es gibt noch keine Leserinnenmeinung zu diesem Artikel.

* Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasserinnen verantwortlich.

Wolfsmutter.com: nach oben