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MAGAZIN

GENEVIEVE VAUGHAN: FOR-GIVING

© Leni Kastl (28.08.08)


Ökonomie

Eine feministische Kritik des Tauschs

In dieser beeindruckenden Untersuchung legt die Amerikanerin Genevieve Vaughan nicht nur eine tiefgreifende Patriarchatskritik vor, sondern entwickelt darüber hinaus eine Ökonomieanalyse mit einem echten Alternativangebot: Die Geschenkökonomie.



Genevieve Vaughan: For-Giving

s wurde lange schon keine umfassende feministische Analyse veröffentlicht. Das vorliegende Buch erschien auch schon 1997 im englischen Original, liegt aber nun neu als deutsche Übersetzung vor mit einem aktuellen Thema: Eine Ökonomieanalyse mit einem echten Alternativangebot: Die Geschenkökonomie.

Genevieve Vaughan entwickelte die Theorie der Geschenkökonomie zuerst anhand der Auseinandersetzung mit Linguistik und so sieht sie auch die Sprache als Wurzel des Schenkens - des Gebens was gebraucht wird - überhaupt. Sie stellt der herkömmlichen Meinung in der Sprachwissenschaft, die Sprache als Tausch und Besitz analysiert (Das Subjekt besitzt das Objekt), das Paradigma entgegen, dass Sprache als Geschenk funktioniert, nicht nur als Informationsgehalt zwischen Menschen, sondern auch im Satzbau selbst. Davon leitet sie ab, dass Schenken (das sie als “Mothering”, übersetzt mit “Mütterlichkeit”, definiert) das ursprüngliche menschliche Handeln darstellt und weiterhin die unbeachtete, ausgebeutete und ungeschätzte Basis der ökonomischen und sozialen Verhältnisse bildet und hauptsächlich von Frauen und in vorkapitalistischen Gesellschaften ausgeübt wird.

Hingegen hätten sich die (weißen) Männer kulturell von den Frauen abgekoppelt und die Tauschwirtschaft entwickelt, die in ihrem “(mindestens) genau so viel zurückhaben Wollens” zu Akkumulation, Mangel, Hierarchien und Ausbeutung führt. Radikal entlarvt sie den Mythos vom “gerechten Tausch” und fordert hingegen, dass Männer sich Frauen zum Vorbild nehmen und zu Schenken und Mütterlichkeit zurückkehren. Genau hier liegt der innovative Punkt ihrer Theorie: Es geht weder um Aufwertung und Anerkennung, Integrierung oder Überwindung der Subsistenzarbeit, sondern um die Entlarvung und in letzter Konsequenz die Abschaffung des Tauschsystems.

Der Untertitel des Buches “Eine feministische Kritik des Tauschs” sagt viel mehr über den Inhalt des Buches aus, die Autorin widmet sich hauptsächlich der Analyse, wie Tausch, Patriarchat und Kapitalismus aus der Sicht der Geschenkökonomie funktionieren. Obwohl sie keinen Zweifel lässt, dass es nicht nur um das Schenken von Worten, sondern auch um materielles Schenken geht, bleiben die tatsächlichen Konsequenzen radikalen Motherings auf einer theoretischen Ebene. Die stellt klar, dass Mütterlichkeit eine Rolle ist, die den Frauen nicht von Natur aus zu eigen ist, sondern uns zugeschoben wurde. Allerdings hat die Art, wie sie männliches und weibliches Leben beschreibt, etwas Monumentales und sehr Heterosexuelles. Vor allem ist sie sehr damit beschäftigt, die Sozialisation von Buben zu Männern (inklusive Phalluskult) zu analysieren, wie aus Mädchen (wenig Beschenkten) Frauen (Vielschenkende) werden, ist kein Thema.

Für Theorieverliebte: Das Buch ist auf hohem Niveau geschrieben, aber dennoch nicht so schwer zu lesen. Nur ich selbst bin eben mehr eine Praktikerin und kam stellenweise nicht so vom Fleck. So liegt mir an der Verbreitung des Buches auch deshalb, damit wir das gemeinschaftlich etwas herunter brechen können. Ich persönlich halte die Konsequenz dieser Theorie der Geschenkökonomie für revolutionär. Es gibt ja auch anarchistische Ansätze, aber sie hat eben alles kompakt in eine Kulturtheorie eingebettet.

Die Autorin selbst kommt eher aus einer ökofeministischen Richtung und publiziert auch gemeinsam mit deutschen Matriarchatsforscherinnen und Ökofeministinnen. Nun hat sich aber die zweite Frauenbewegung stark um Themen der Ablehnung des “Mothering” formiert: Recht auf Abtreibung, nicht auf Ehefrau- und Mutterrolle festgelegt zu werden, Lesbenbewegung... Wie sollen sich da Feministinnen aus verschiedenen Zusammenhängen für eine Geschenkökonomie, die von Mütterlichkeit ausgeht, begeistern? Zumal dieses Thema für viele stark belastet ist durch die reale Beziehung zur eigenen Mutter: In dieser patriarchalen Gesellschaft werden Mädchen eben oft nicht gut bemuttert. Auf all dies geht Genevieve Vaughan leider nicht ein. Wenn eine neue Theorie erstmals formuliert wird, kann sie nicht alles abdecken, da braucht es oft noch weitere Analysen und Mitdenkerinnen. Ich habe Genevieve Vaughan zweimal persönlich bei Workshops über Geschenkökonomie erlebt, von daher bin ich selbst schon überzeugt, habe aber auch in der Kritik einen Vorsprung. Ich hoffe, dass vielleicht gerade auch die Lücken dazu anregen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Ich persönlich würde - auch als Lesbe - den Begriff “Caring/Versorgen” bevorzugen, was auf familiäre Bindung ebenso wie auf das Ziel hinweist, über die engsten (familiären) Beziehungen hinaus zu schenken.

Leider kommen reale Schenkbeispiele nicht wirklich vor. Die Autorin beschreibt zum Schluß, eher als kleines Anhängsel, wie sie mit ihrem Erbteil Projekte finanziert hat. Das ist wirklich eine tolle Sache, aber es geht ja letztendlich um das Schenken im Alltag. Hier gäben Beispiele hierarchiefreien Schenkens Mut, auf Vorhandenes aufzubauen, neue Wege auszuprobieren und gesellschaftliche Veränderung einzuleiten. Und: Wo gegeben wird, wird auch genommen - der Aspekt des “Childing” oder “Daughtering” wird ebenfalls nicht eingehend behandelt. Wie sieht ausbeutungsfreies und schuldenfreies Nehmen aus?

Die Idee der Geschenkökonomie hat meiner Meinung etwas Gewinnendes und die vorliegende Analyse bietet auch ein gutes Werkzeug, Sachverhalte zu untersuchen. Für vieles Beschriebene gibt es bereits stimmige politische Analysen und Begriffe, aber bei der Geschenkökonomie geht es gleichermaßen um Soziales und Ökonomie, das macht sie besonders geeignet, Handeln zu analysieren und es ergeben sich interessante Nebenpunkte zum Nachdenken.

Näheres zur Geschenkökonomie, Downloadmöglichkeiten und die Vorstellung weiterer Publikationen gibt es auf der Website www.gift-economy.com

 Genevieve Vaughan : For-Giving
Genevieve Vaughan
For-Giving

Schenken und vergeben. Eine feministische Kritik des Tauschs

Ulrike Helmer Verlag, 2008
450 Seiten, broschiert
€D 36,00 / €A 37,10 / sFr 60,90
ISBN: 978-3-89741-262-0

Buch bestellen (bei Berta - Bücher und Produkte, Graz)


WEITERFÜHRENDES:

Kongress “Solidarische Ökonomie”, 20. - 22. Februar 2009, Wien: www.solidarische-oekonomie.at
Autonom-Feministisches FrauenLesbenTreffen, 9. - 14. April 2009, Wien: feministgathering.wolfsmutter.com



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