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SALIHA SCHEINHARDT: SCHMERZENSKLäNGE© Daniela Brunner (20.11.08)
Ein Roman aus der Türkei
Im Dezember 1995 werden in Manisa mehrere Jugendliche verhaftet, tagelang gefoltert und aufgrund erpresster Geständnisse wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu Haftstrafen verurteilt. Der Roman “Schmerzensklänge” beschreibt die Erlebnisse aus der Sicht der 16-jährigen Arda.
“Wo die freie Meinungsäußerung nicht garantiert ist, sind Fortschritt und Demokratie nur hohle Worte.”
n dem vorliegenden Buch schildert Saliha Scheinhardt die Ereignisse rund um 16 Jugendliche in der türkischen Kleinstadt Manisa, die Mitte der 90er Jahre als angebliche TerroristInnen in Polizeigewahrsam einem tagelangen Alptraum aus Folter und Erniedrigung ausgesetzt und staatlicher Willkür erleben müssen.
Der Roman wird aus der Sicht des Mädchens Arda erzählt, die bei ihrer Verhaftung 16 Jahre alt ist. Sie geht mit offenen Augen durch die Welt, macht sich Gedanken über die Ungerechtigkeit in der Welt, sie engagiert sich in einem Schülerkomitee gegen die Prügelstrafe. In einer Dezembernacht werden Arda und 15 andere Jugendliche von einer Einheit der Politischen Polizei aus ihrem Zuhause gerissen und unter dem Verdacht des Terrorismus 11 Tage lang schwerer Folter ausgesetzt. Arda gesteht schließlich die ihr fälschlicherweise zur Last gelegten Taten, wie das Schreiben von Parolen an Wänden und einen Anschlag auf einen Friseurladen. Schließlich legen die Folterer Arda ein vorgefertigtes Geständnis vor, das sie unterschreiben soll ohne es vorher gelesen zu haben. Als sie sich widersetzt fahren die Polizisten mit ihr aus der Stadt, bedrohen sie mit Erschießen und wollen sie von einer Brücke werfen. Zurück im Polizeirevier wird Arda brutal weitergefoltert und unterschreibt schließlich das Geständnis, doch die Folter hört nicht auf, die Polizisten wollen immer Informationen und Namen von ihr haben. Da beschließt Arda überhaupt nicht mehr zu sprechen.
“Ich hatte die schlimmsten Phasen der Folter durchgestanden. Mein Vertrauen in die Menschen und mein Glaube an die Gerechtigkeit waren dabei allerdings zerbrochen. Aber es war auch keine Spur von Angst geblieben. Von nun an konnten sie mir antun was sie wollten. Ich würde nur körperlich gegenwärtig sein.” (Seite 81)
Nach der Folter ist Arda ein Wrack, sie hat Angst vor Nähe, vor körperlicher Berührung, Angst allein zu bleiben, aber sie findet Kraft in der Unterstützung ihrer Familie und FreundInnen. Der Fall der Jugendlichen aus M. wird dank nationaler und internationaler Menschenrechtsorganisationen im Ausland bekannt, Familien und FreundInnen organisieren Pressekonferenzen, stellen Dossiers zusammen für die Presse, veröffentlichen Briefe der Jugendlichen, in denen sie die ihnen angetanen Grausamkeiten beschreiben. Arda widerruft vor Gericht die Aussage des Geständnisses, sie ist unschuldig und wurde gefoltert, doch sie wird zusammen mit 11 anderen Jugendlichen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, wovon Arda drei Jahre im Gefängnis verbringt bis sie im Jahre 2000 doch noch aus Mangel an Beweisen freigesprochen wird, nachdem einige Monate zuvor 10 Polizisten wegen Folter zu Haftstrafen verurteilt worden waren. Die Jugendlichen von Manisa sind zwar frei und bekommen teilweise Schadenersatz zugesprochen, doch sie tragen lebenslang die Spuren der Folterung und der Haft mit sich, wie Tuberkulose, Bronchitis, Entzündungen, und am schwerwiegendsten wahrscheinlich die seelischen Schäden.
Arda hat in Haftzeit unvergessliche Freundschaften geschlossen, hat zu ihrem politischen Bewusstsein gefunden. Sie hat tiefe körperliche und seelische Wunden, doch sie ist ungebrochen und widerständig. Arda hat begriffen, dass für wichtige Dinge im Leben wie Gerechtigkeit oft ein hoher Preis bezahlt werden muss. Sie wurde auf unvorstellbare Art und Weise misshandelt, erniedrigt und gequält, aber sie ist daran nicht zerbrochen, sie fühlte sich ihren Folterern überlegen, weil sie erkannt hat, dass diese bestialische Härte Ausdruck der Angst vor Menschen wie Arda ist. Menschen, die sich nicht scheuen, Ungerechtigkeit beim Namen zu nennen und dagegen vorzugehen und die sich nicht so leicht durch angedrohte Repression einschüchtern lassen.
Die Autorin Saliha Scheinhardt arbeitete mit zwei der Anwältinnen der Jugendlichen zusammen und führte persönliche Gespräche mit Arda über deren Erlebnisse und Erfahrungen. “Schmerzensklänge” ist auch aufgrund seiner Authenzität ein eindringliches Zeugnis gegen Folter und für Meinungsfreiheit und Menschenrechte. Der Roman zeigt eine Seite der Türkei abseits von Sonne, Meer und Urlaub, die wir selten zu sehen bekommen oder vielleicht gar nicht sehen wollen.
DIE AUTORIN:
Saliha Scheinhardt geboren 1950 in Konya/Türkei, kam 1967 nach Deutschland, arbeitete in einer Textilfabrik, später als Kellnerin. 1971 Lehramtsstudium, Hauptschullehrerin. 1978 bis 1981 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der PH Neuß. 1987 als Stadtschreiberin von Offenbach erste ausländische Stadtschreiberin in Deutschland. Veröffentlichungen unter anderem: “Töchter des Euphrat” (2005), “Lebensstürme” (2000), “Mondscheinspiele” (1996), “Die Stadt und das Mädchen” (1994), “Und die Frauen weinten Blut” (1985).
 Saliha Scheinhardt Schmerzensklänge Roman aus der Türkei
Brandes & Apsel Verlag, 2008 200 Seiten, broschiert €D 17,90 / €A 18,40 / sFr 32,90 ISBN: 978-3-86099-741-3
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