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KALENDER

Chronik für das Jahr 1906

23.01.
Unter dem Vorsitz von Kultusminister Konrad von Studt tritt in Berlin eine Kommission zusammen, um über die Reform des höheren Mädchenunterrichts zu beraten. Der Kommission gehören Schulmänner, Beamte und Gelehrte sowie einige Frauen an.

29.01.
Davos: Erste Weltmeisterin im Eiskunstlauf wird die Britin Madge Syers.

07.02.
Die Sozialdemokraten beantragen im Deutschen Reichstag in Berlin vergeblich die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für alle Deutschen über 20 Jahre ohne Unterschied des Geschlechts.

10.02.
Nach einer amtlichen Meldung aus der deutsch-südwestafrikanischen Hauptstadt Windhuk beträgt die Zahl der Kriegsgefangenen in der deutschen Kolonie 13 040. Von den 10 677 gefangenen Hereros sind 2720 Männer, von den 2300 Hottentotten 730 Männer.

14.03.
Der Deutsche Reichstag in Berlin genehmigt gegen die Stimmen der Deutschkonservativen und eines Teils des Zentrums einen Antrag der Freisinnigen Vereinigung zum Vereinsgesetz. Der Reichskanzler möge dahin wirken, dass die landesgesetzlichen Beschränkungen des Vereinsrechts für Frauen durch Reichsgesetz beseitigt werden. Das preußische Vereinsgesetz z. B. verbietet die Teilnahme von Frauen und Lehrlingen an politischen Versammlungen.

19.04.
Der Vaterländische Frauenverein, eine Organisation des Roten Kreuzes, feiert in Berlin das 40. Gründungsjubiläum.

25.04.
Auf der Besuchergalerie des britischen Unterhauses in London demonstrieren Suffragetten für die Einführung des Frauenstimmrechts.

04.05.
Der der preußische Kultusminister unterzeichnet einen Erlaß, nach dem die Besoldung von LehrerInnen auf dem Land erhöht wird. Männer verdienen künftig 1000 Mark jährlich, Frauen 800 Mark.

13.05.
Marie Curie führt die Vorlesungen ihres verstorbenen Mannes an der Pariser Universität weiter. Damit ist sie die erste Frau, die an der Sorbonne lehrt.

04.06.
München: beim Allgemeinen Deutschen Lehrertag spricht sich die Mehrheit der Lehrer gegen zu großen Einfluss von Lehrerinnen auf Mädchenschulen aus.

07.06.
Am Abschlußtag des am 5. Juni in Jena eröffneten 17. Evangelisch-sozialen Kongresses hält Gertrud Bäumer ein vielbeachtetes Referat über die sozialen Forderungen der Frauenbewegung im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage der Frau. Darin fordert die Lebensgefährtin von Helene Lange u.a. die rechtliche Anerkennung der hauswirtschaftlichen Arbeit der Frau.

15.06.
Die Verwaltung der New Yorker Telefonzentrale verbietet Telefonistinnen das Tragen von unfeinen Strümpfen und Draufguck-Blusen. Diese Blusen haben kurze Ärmel und einen weiten Ausschnitt und bestehen aus einem Stoff, der kaum stärker als ein Schleier ist. Sie erfreuen sich nicht nur bei den Telefonistinnen großer Beliebtheit.

28.06.
Im Rahmen der Sittlichkeitskampagne im Deutschen Reich wird Kritik an der Berliner Meierei Bolle laut. Die halbwüchsigen Bolle-Mädchen trügen auf ihrer Kleidung die Inschrift Meierei Bolle genau an einer Stelle, wo sich künftig einmal ein weiblicher Busen entwickeln könnte.

03.07.
Der finnische Landtag in Helsingfors (Helsinki) verabschiedet eine Parlamentsreform, die u.a. den Frauen das allgemeine Wahlrecht bringt.

07.07.
In Nürnberg geht die am 3. Juli eröffnete sechste Generalversammlung des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes zu Ende. Auf der Tagung war u.a. die Einführung des Zehnstundentags für Frauen in Fabriken, das Verbot der Nachtarbeit für Frauen und die Gleichstellung von Frauen und Männern im Vereins- und Versammlungsrecht gefordert worden.

07.07.
In einem Berliner Warenhaus wird die international tätige Taschen- und Warenhausdiebin Marie Riebeck, geborene Porl, auf frischer Tat ertappt und verhaftet. Marie Riebeck ist die Schwester der im Oktober 1905 durch einen spektakulären 10 000-Mark-Diebstahl in der Spandauer Straße bekannt gewordenen Frau Ziege.

15.07.
Emmy Opel, gewinnt als erste Frau bei der Westdeutschen Touren-Preisfahrt.

01.08.
Vorzügliche Spezialitäten bietet das Berliner Apollotheater für diesen Monat an: die graziösen Reckturnerinnen Sisters Moulier und die Geschwister Wania und Annette Savary mit wilden Tänzen ihrer ostasiatischen Heimat.

09.08.
Der Bürgermeister von Lengsfeld (Rhön) verbietet eine öffentliche Versammlung, auf der die SPD-Politikerin Luise Zietz zum Thema Die Frau in der Arbeiterbewegung sprechen sollte, mit der Begründung: Nach der diesseitigen Gesetzgebung ist die Abhaltung einer Versammlung zu untersagen, wenn durch diese eine Gefahr für die öffentliche Ordnung zu befürchten ist. Es erscheint möglich zu sein, daß man dies erwarten kann. Zietz, eine der brillantesten Rednerinnen der SPD, ist eine Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung.

11.08.
In Odessa erschießt sich die Tochter des Generalleutnants Prinze, als entdeckt wird, daß sie ein Bombenattentat auf General Kaulbars plant, bei dessen Töchtern sie zu Besuch ist. Die Frau gehört der Partei der Sozialrevolutionäre an.

11.08.
Im Berliner Nordpark kommt es zu einem Fall von Lynchjustiz. Ein etwa 20jähriger Mann wird von Passanten überrascht, als er ein 12jähriges Mädchen vergewaltigt. Die Empörung der immer größer werdenden Menschenmenge über die Tat des Wüstlings steigert sich derart, daß der Übeltäter mit Stöcken und Fäusten bearbeitet wird. Erst als er sich kaum noch rührt, läßt die Menge von ihm ab.

17.08.
In Hannover wird eine Bäuerin wegen Pfandverschleppung zu einem Tag Gefängnis verurteilt. Der Gerichtsvollzieher hatte ihr Schwein gepfändet, es ihr aber einstweilig zur Verwahrung überlassen. Gleichzeitig wurden ihr auch die Kartoffeln gepfändet. Um nun das Schwein bis zur Versteigerung nicht verhungern zu lassen, fütterte es die Frau mit den gepfändeten Kartoffeln. Wegen dieser Tat wurde sie unter Anklage gestellt.

27.08.
Helene Stöcker, die Führerin der deutschen Mutterschutzbewegung und Vertreterin des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung, erläßt den Aufruf zur Gründung eines Schwangerenheims in Berlin. In diesem Heim sollen unterkunftslose Schwangere ein vorläufiges Obdach finden. Stöcker ist die Vorsitzende des 1905 gegründeten Bundes für Mutterschutz und Sexualreform.

18.09.
Der Vierständelandtag des russischen Großfürstentums Finnland in Helsingfors (Helsinki) wird aufgelöst. An seine Stelle tritt ein Einkammerlandtag, der 1907 aus allgemeinen Wahlen - erstmals auf der Welt mit Frauenwahlrecht - hervorgeht.

22.09.
In Mannheim wird die vierte sozialdemokratische Frauenkonferenz eröffnet. Zu den Hauptrednerinnen der zweitägigen Veranstaltung zählen Clara Zetkin und Lily Braun. Letzterer wird das Wort abgeschnitten, als sie in einer mehrstündigen, temperamentvollen Rede für die Einführung des Frauenstimmrechts wirbt und dabei die bürgerliche Frauenbewegung scharf angreift. Braun ist eine Vertreterin der proletarischen Frauenbewegung. Die Resolution mit der Forderung des Frauenwahlrechts wird allerdings einstimmig angenommen.

14.10.
Hannah Arendt, Philosophin, Soziologin, Politologin und Schriftstellerin, wird in Hannover geboren.

24.10.
Zu einem denkwürdigen Armenbegräbnis kommt es im schlesischen Niederau. Die Leiche der verstorbenen Arbeiterfrau Haudel wird in einem offenen Handwagen auf Stroh zum Friedhof gefahren. Vor den Karren gespannt ist der schulpflichtige Sohn der Witwe.

03.11.
Die Pazifistin Anita Augspurg, die erste deutsche Juristin, und Bruno Wille halten im Berliner Beethovensaal einen Vortrag über: Die Todesstrafe und der Tod der Strafe. Die beiden ReferentInnen, die offenkundige Rechtsirrtümer der jüngsten Zeit einer scharfen Kritik unterziehen, ernten reichen Beifall.

03.11.
Der Kaufmännische Verband für weibliche Angestellte protestiert in Berlin gegen die Öffnung der Läden an den silbernen Sonntagen, den Sonntagen zwei bzw. drei Wochen vor Weihnachten. Die Demonstrantinnen behaupten, daß die Öffnung am goldenen Sonntag (letzter Sonntag vor Weihnachten) den Bedürfnissen der Bevölkerung vollkommen genüge. Dem ohnehin in der Weihnachtszeit überlasteten kaufmännischen Personal solle wenigstens seine Sonntagsruhe belassen werden.

05.11.
Die französische Physikerin Marie Curie hält ihre Antrittsvorlesung als außerordentliche Professorin an der Sorbonne. Sie ist die erste Professorin an der Pariser Universität.

13.12.
Suffragetten veranstalten im Hof des britischen Unterhauses in London lärmende Kundgebungen für das Frauenwahlrecht.

13.12.
Die ersten uniformierten Kutscherinnen Deutschlands schwingen die Peitsche in Berlin. Es sind die Milchausfahrerinnen der bekannten Meierei Bolle.

13.12.
In der Volksvertretung des US-Bundesstaats Louisiana wird eine Novelle zum Eheschließungsgesetz eingebracht. Danach soll es keinem jungen Mann vor Vollendung des 24. Lebensjahrs gestattet sein, einem Mädchen den Hof zu machen. Den Eltern des Mädchens dem er sich zu nähern sucht, muß er zuvor von seiner Absicht Kenntnis geben. Ferner soll er vor einem Friedensrichter eidlich erklären, daß er feste Heiratsabsichten hat.

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