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KALENDER

Chronik für das Jahr 1909

15.02.
Das preußische Abgeordnetenhaus billigt mit den Stimmen aller Parteien das Gesetz über die Besoldung von Lehrern, das höhere Bezüge vorsieht. Das Anfangsgehalt für Lehrer beträgt künftig 1400 bzw. für Lehrerinnen 1200 Mark jährlich. Durch verschiedene Alterszulagen können männliche Lehrkräfte ein Endgehalt von bis zu 3300 Mark erzielen, während sich Lehrerinnen mit maximal 2450 Mark begnügen müssen.

18.02.
Vor dem Amtssitz des britischen Premierministers Herbert Henry Asquith kommt es zu einer Kundgebung von Frauenrechtlerinnen. Die Suffragetten fordern u.a. die Einführung des Stimmrechts für Frauen. Die Polizei löst die Kundgebung auf und verhaftet 20 Demonstrantinnen. Sie werden von einem Gericht zu Gefängnisstrafen zwischen zwei und vier Wochen verurteilt.

22.03.
Zum Abschluß der Zweierbobsaison im Schweizer Davos siegt der Bob Magpie mit der Engländerin Susan Lester an den Steuerseilen und Franz Holzboer an der Bremse vor den deutschen Bobs Torpedo und Preußen mit rein männlicher Besatzung.

14.06.
In Berlin wird eine statistische Erhebung veröffentlicht, nach der sich im Deutschen Reich im laufenden Sommersemester 1432 Frauen an Universitäten und Hochschulen eingeschrieben haben. 699 Frauen studieren Philosophie, Fremdsprachen und Geschichte, 371 Medizin, 245 Naturwissenschaften, 44 Zahnmedizin und 42 Rechts- und Staatswissenschaften.

22.06.
Toronto: Internationaler Kongress der Frauenrechtlerinnen. Delegierte aus Europa und Nordamerika erarbeiten u.a. Reformvorschläge zum Frauenwahlrecht, zur rechtlichen Besserstellung von ledigen Müttern und zu den Ehegesetzen.

29.06.
In London versuchen mehrere hundert Suffragetten in das britische Unterhaus einzudringen. Die Polizei verhaftet 115 von ihnen.

08.07.
In der Nähe der Ortschaft Hamstead wird das erste Frauenheim in Großbritannien eröffnet. Die Einrichtung, zu der mehrere Wohngebäude und Gemeinschaftseinrichtungen gehören, wurde von einer reichen Engländerin gestiftet, um unverheirateten, berufstätigen Mädchen eine gesicherte Unterkunft zu bieten.

27.07.
Hilde Domin in Köln geboren, deutsche Schriftstellerin.
[Anm.: bis 1999 gab Domin 1912 als Geburtsjahr an - Quelle: Universität Heidelberg]

28.07.
Aenne Burda, Verlegerin (D), in Offenburg geboren

09.08.
An der Berliner Universität wird eine Russin zum Doktor der Medizin promoviert. Die Promotion von Frauen ist in Deutschland wie in den meisten europäischen Staaten noch immer eine große Ausnahme.

04.09.
Auf Grund eines sog. Querulantenparagraphen wird von einem Gericht in Berlin eine Hausbesitzerin zu zwei Wochen Arrest verurteilt. Die Frau hatte mit einer Fülle von Eingaben und Widersprüchen gerichtlich dagegen vorzugehen versucht, daß ihre Klage gegen einen ihrer Mieter wegen angeblichen Hausfriedensbruchs mehrmals abgewiesen wurde.

18.09.
In Leipzig endet der Parteitag der SPD. Er war erneut von heftigen Debatten zwischen Revisionisten und Anhängern des kompromißlosen Klassenkampfes geprägt. Ein neues Organisationsstatut macht Frauen zu gleichberechtigten Parteimitgliedern.

18.09.
Zwei britische Frauenrechtlerinnen, die einen Eisenbahnzug, in dem sich Premierminister Herbert Henry Asquith befand, mit Steinen beworfen hatten, werden in Birmingham zu einem Monat Gefängnis verurteilt.

01.10.
In Darmstadt tritt der Allgemeine Deutsche Frauenverein zu seiner 25. Generalversammlung zusammen. Eine Hauptforderung der Frauen ist die Zulassung zu verantwortlichen Ämtern in der Verwaltung.

05.10.
Mehreren britischen Frauenrechtlerinnen, die in einem Londoner Gefängnis in den Hungerstreik getreten sind, wird nach fünf Tagen gewaltsam Nahrung eingeflößt.

22.10.
Die französische Ballonfahrerin Elise de Laroche unternimmt in Chalons-sur-Marne als erste Frau einen Alleinflug in einem Motorflugzeug über eine Strecke von rund 300 m. 1910 erhält sie den PilotInnenschein.

03.11.
Unter starkem Publikumsandrang wird in Paris der Sensationsprozeß gegen Meg Steinheil eröffnet. Der Angeklagten wird die Ermordung ihrer Mutter und ihres Ehemannes vorgeworfen. Der Prozeß endet am 14. November mit einem Freispruch.

05.11.
Bei den Parlamentswahlen in Norwegen haben Frauen erstmals das aktive und passive Wahlrecht. Die linksgerichteten Parteien erleiden eine schwere Niederlage.

08.11.
Katherine Hepburn, US-am. Schauspielerin

06.12.
Eine Rede des britischen Handelsministers Winston S. Churchill im Empire-Theater in Southampton wird trotz umfangreicher Sicherheitsmaßnahmen der Polizei von drei Frauenrechtlerinnen gestört. Die Suffragetten hatten am Abend zuvor die Theatervorstellung besucht und sich danach auf dem Schnürboden über der Bühne versteckt. So entgingen sie den Absperrungen vor dem Theater und konnten die Rede durch laute Zwischenrufe, in denen sie u.a. das Frauenwahlrecht fordern, stören.

06.12.
In Genf konstituiert sich die Schweizerische Vereinigung für Frauenstimmrecht.

10.12.
Die Schwedin Selma Lagerlöf erhält für ihren ersten Roman "Gösta Berling" den Literaturnobelpreis.

19.12.
In New York treten 20 000 Blusennäherinnen mit der Forderung nach höheren Löhnen und der Zulassung einer eigenen Gewerkschaft in den Streik. Bei den Arbeiterinnen handelt es sich zum größten Teil um junge Mädchen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen für einen Hungerlohn arbeiten. Die Streikenden erhalten Unterstützung von mehreren Damen der New Yorker Gesellschaft.

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